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Volk und Land · 1919-01-16 · Heft 3 (16.1.1919) · p. Seite 67-68

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 3 (16.1.1919)
Date
1919-01-16
Page
Seite 67-68 (sequence 4)
Language
German
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67 VOLK UND LAND zeigt, daß unseren Landwirtschaftsschwärmern nicht etwa eine rationelle, sondern gerade die herkömmliche, hochgradig unrationelle Landwirtschaft als der Träumt ihres Lebens vorgeschwebt (hat. Unsere jungen Arbeiter, die in Petacli Tikwah in den Orangenbetrieben arbeiteten, waren empört über diese Form der Landwirtschaft. Sie nannten das eine „Orangen f a b ri k“ „wie man anderwärts Hosenträger fabriziert“. Man muß es lesen, mit welcher Begeisterung die schreibenden Arbeiter ihre Betätigung gerade in den primitivsten Methoden schildern! Bei alledem bin ich — wie nur irgend Jemand —- von der Zukunft der jüdischen Landwirtschaft überzeugt. In dieser jüdischen Landwirtschaft erblicke ich aber gerade die Abkehr von den primitiven Arbeitsweisen und die Einführung geschäftsmäßiger und industrieller Methoden in diesem unglaublich vernachlässigten Beruf. Man braucht sich nur vor Augen zu halten, wie die Industrie sich kaum in irgend einem Zweige Maschinen und Methoden gefallen läßt, die auch nur zehn oder zwanzig Jahre alt wären. Die Landwirtschaft arbeitet aber noch heute zum weitaus größten Teil mit geradezu vorsintflutlichen Mitteln und Behelfen. Selbst in den fortgeschrittensten Ländern möchte man auf Grund eines Vergleichs des Tatsächlichein mit dem Möglichen von einem „prälandwirtschaftlichen Zeitalter“ sprechen, in dem wir uns heut noch befinden. Diese Auffassung ist nicht die eines Einzelnen. Peter Kropotkin weist seit Jahrzehnten auf diese Dinge hin und hat in seinem Buche „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ eine Fülle von Materialien über diese Dinge zusammengetragen. In einer englischen Gartenstadtdiskus ion sagte der bekannte Dichter und Sozialist Bernard Shaw: „Ich weiß, daß wir alle, besonders die, die in Städten wohnen, der Meinung sind, die Landwirtschaft sei ein edler Beruf, der Gesundheit (und Freude und Kraft in sich birgt und die Erneuerung des Volkslebens. Meine Ansicht aber ist, daß sie ein unwürdiger, verkommener, empörender Beruf ist; und ich glaube, die Landwirtschaft in unserem Lande wird nie zu einer Blüte kommen, solange sie in den Händen der landwirtschaftlichen Klasse verbleibt. Ich glaube, unserem Lande wird Gedeihen kommen von den Menschen die in den Städten gewesen sind und nun wieder zum Lande zurückkehren. Ich glaube, die Landwirtschaft der Zukunft wird nicht das Werk beschränkter Landwirte sein, die schlecht bezahlte Landarbeiter ausbeuten: sie wird das Werk intelligenter Männer sein, gleich den Männern, die in unseren großen Fabriken ar- | beiten, und gegen eine Entlohnung, die dem der j städtischen Berufe entsprechen wird.“ | Ein Anderer (Hubert, in „Liberty and Lij ving“ — zitiert in dem Werke von Bolton Hall: .j Three Acres and Liberty) sagt: : „Zurück zum Lande!“ — Nach allem bisherigen hieß das: zurück zum unverbesserten Boden, zum primitiven Pflug, zum schlechtg'tnährten Ochsen, 68 2U unsicheren Erträgen, zu einem mühseligen Leben der Entbehrung. Ich bin auch nicht für ein Zusammenpferchen der Menschen in engen Städten, aber ich möchte das Ziel doch anders formulieren. Nicht zurück — sondern vorwärts zu neuen Formen des Lebens! Vorwärts zu der neuen Landwirtschaft, die schon allenthalben ihre Ueberlegenheit erwiesen hat, zu wissenschaftlichen Methoden und zu reichen Erträgen. Zu Verbindungen von geistiger und körperlicher Arbeit, von Bodenkultur und Industrie, zu vielseitiger Anregung und Betätigung, zu vereinigter Arbeit, zu Wohlstand und Geselligkeit, zu einem körperlich und geistig gesunden Leben. Dies ist nicht nur das höhere Ideal, sondern es ist auch tatsächlich viel leichter zu erreichen.“ Einen weiteren Beitrag zu dieser Frage liefert Professor Bailod, der gezeigt hat, daß die Landwirtschaft für Zwecke des eigenen Bedarfs — weit entfernt den Hauptberuf irgend einer Nation ausmachen zu dürfen, bei richtigen Methoden, die nur dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis zu entsprechen brauchen, mittels eines einzigen landwirtschaftlichen Dienstjahres bewältigt werden könnte! Und angesichts solcher Möglichkeiten bestehen bei uns sympathische Schwärmer darauf, daß unser gesamtes Ansiedlungswerk in Palästina von der Idee des primitiven Ackerbaus beherrscht werde! Hierbei wird nicht nur die eine Hauptfrage: „Was braucht das Land?“ sondern auch die andere: „Was können die Juden?“ komplett außer Acht gelassen, und auf diesem Wege gelangt man — trotz krasser Ausnahmestellung sowohl unseres Landes wie unseres Volkes — zu dem Bilde der üblichen Kolonisationen und infolgedessen zu der Vorstellung von einem geringen Fassungsvermögen des Landes, die wiederum dazu verführt, nur an Einwanderungsmöglichkeiten sehr beschränkten Grades zu glauben. ln Wirklichkeit ist Palästina ein Land, das zu intensivster Wirtschaft und zu höchsten Erträgen geeignet ist, wenn ein Bevölkerungselement vorhanden ist, das sich den speziellen Landesverhältnissen anzupassen geeignet ist. Palästina bietet jede Aussicht, auf Grund rationeller und intensivster Landwirtschaft in Verbindung mit industriellen und sonstigen städtischen Berufen, die dichteste Bevölkerung zu ernähren, die irgendwo von ähnlicher Fläche lebt. Man hat sich längst gewöhnt, für Palästina eine Bevölkerungsdichte von 100 bis 200 Seelen pro qkm (das wären 3—6 Millionen Seelen) für möglich zu halten. Professor Ballod hat auf Grund eingehender Berechnungen dargetan, daß eine Sechsmillionenbevölkerung in Palästina sogar auf Grund vollkommener Unabhängigkeit von jeder ausländischen Nahrungs zu fuhr leben könne und sowohl der Agronom Oettinger wie auch der Sekretär des Jüdischen Nationalfonds, Kaplanski, stimmen ihm; hierin^ im großen und. ganzen weitgehend zu. Kaplanski sagt sogar, daß eine

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