Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1919)
- Date
- 1919-01-09
- Page
- Seite 59-60 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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59 VOLK UND LAND 60 Erde oder eine Mischung aus Erde, Asche, Kalk und Wasser. Bauholz liefern Sykomore, Pappel, Weißdorn und seltener der Feigenbaum. Die Innen- und Außenwände werden mit „hiuwar“, einem Kreidekalk- , gries verputzt. Als Tünche dient Kalkwasser. Holzdächer werden mit Gesträuch oder Zweigholz bzw. Schilfrohr, Heu und gekneteter Erde gedichtet. Bei gewölbtem Dache werden die Gewölbej zwickel bis zum Scheitel ausgefüllt und die somit her-; gestellte Ebene mit „buwar“ überzogen. Zur Ausführung der Maurerarbeiten werden nur Hammer, Kelle, Schnur und Bleilot benötigt. Die Herstellung des Hauses übernimmt der „banna“, ein Baumeister. Seine Handwerker sind die Freunde und Verwandten des Bauherrn, also ungelernte Arbeiter. Der Aberglaube der Fellachen, daß dem Hause und seinen Bewohnern Gefahren durch böse Menschen drohe, laßt sie gewisse Farben, symbolistische Ornamente und Inschriften verwenden, die dem Architekten Anregungen für charakteristische Formen geben könnten. Nicht berücksichtigt in diesem Werke ist das reicher gegliederte nord palästinensische Bauernhaus, das mit dem Bauernhaus des Irak gemeinsame Züge aufweist. Das Büchlein würde an Wert gewinnen, wenn den Beschreibungen (in Verbindung mit den im Anhänge beigegebenen Aufnahmen des Verfassers) Grund- und Aufrisse beigegeben würden. Fritz Perez Kornberg. Intensiver Landbau. Unter jenen nicht zu zahlreichen Erscheinungen der Kriegsliteratur, die es verdienen, nicht zugleich mit dem Unrat d/es Krieges von der ersten Welle des Friedens fortgespült zu werden, befindet sich eine Reihe von Bändchen, die aus der Sorge für das Los der Kriegsbeschädigten, dienen Hilfe und Rettung gebracht werden soll, entstanden sind. Es handelt sich um Siedhingsgedankcn, die nicht erst in diesen Tagen von ihren Verfechtern in Wort und Schrift ins Volk getragen worden sind1, die aber erst jetzt, Ln der Zeit großer wirtschaftlicher und sozialer Not des deutschen Volkes, einer allgemeineren Beachtung gewürdigt werden. Wenn sie unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, so ist daraus zu ersehen., daß wir gleich ihren Verfechtern diesen Siedllungsideen eine über das begrenzte Ziel einer augenblicklichen Notstillung weit hinausgehende Bedeutung beimessen. Diese Gedanken können auch für uns gedacht sein, für unser Volk, das sich eben jetzt einer Siedilungsau fgabe t on gewaltiger Größe gegenübersieht. Der Möglichkeit einer innigen Verschmelzung von Volk und Land durch Bodenbearbeitung werden Wege gewiesen, diiie eine Erneuerung des Landes und des Volkes zum Ziele haben. Die Erneuerung des Bodens soll erfolgen durch intensive gärtnerische Kultivierung, die im Gegensatz zur landwirtschaftlichen Kultur die BodenWirtschaft nahezu unabhängig von Bodenart, Klima und Lage macht und die Ergiebigkeit des Landes zu unvergleichlicher, im allgemeinen noch nicht gekannter Höhe steigert. Dem Menschen soll der Boden in Gestalt seines Gartens derjenige Punkt seiner Existenz werden, um dien s;ch sein und seiner Hausgenossen Leben bewegt. Und zwar soll der Siedler nur so viel Land besitzen^ als er mit seiner Familie in der Lage ist durch individuelle oder genossenschaftliche Arbeit zu vollster Ergiebigkeit zu bringen. Auf diesen Gesichtspunkten bauen sich die Siedlungsvorschläge auf, die A. Wiechula*) und Lebereent Migge**) in anschaulicher Weise systematisch behandeln. Die beiden Vorschläge unterscheiden sich voneinander durch den Zweck, dem die Bodenbewirtschaftung dienen soll. Das Kleinfarmschema Wiechu- I a s beruht aut dem Gedanken der Er werbs heim- *) Wiechula, Die Kleinfarm als Wirtschafts-, Erwerbs- und Kriegerhewnstätte, II. Auflage, Leipzig 1918. **) L e b e t e c h t Migge. Jedermann Selbstversorger. Eine Lösung der Siedlungsfrage durch neuen Gartenbau. Jena 1918. siätfe. Der Siedler soll aus seinem Landlose den. vollständigen Lebensunterhalt für sich und seine Familie ziehen. Er steht somit seinem Anwesen als Berufsfarmer gegenüber, dem er seine und seiner Familie Kraft ausschließlich zu widmen hat. Das bedingt eine entsprechende Größe der Einzelsiedlung. Anders Migge. Sein Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip der Selbstversorgung. Der Siedler soll aus seinem Garten den Bedarf an Gemüse, Obst und Frühkartoffeln decken*). Für ihn ist deshalb die Bewirtschaftung des Gartens nicht Hauptberuf, sondern eine neben seinem eigentlichen andersgerichteten Berufe mehr der Erholung dienende Beschäftigung. Dem Garten gilt lediglich seine freie Zeit und alle freie Arbeitskraft der Familienmitglieder. Wiechula berechnet die mittlere Größe einer Erwerbsheimstätte auf 5 Morgen, das sind: 1,25 ha; während nach Migge einer aus fünf Köpfen bestehenden Familie ein Areal von nur 400 qm zum Zwecke der Selbstversorgung im obigen Sinne genügt. Diese Landausmaße sind: im Vergleich zu den für bäuerlichen Betrieb erforderlichen Boden so gering, daß man mit Recht von einer „Landwirtschaft fast ohne Land“ gesprochen hat. Beide Systeme wollen die Kleinsiedlung im Großen, die neben der intensiven individuellen Arbeit die Vorteile genossenschaftlichen' Zusammenwirkens ermöglicht, und trennen die Gartenwirtschaft in einen intensiven, zu Haus und Hot gehörigen Teil, und einen extensiven, dessen Erzeugnisse eine großzügigere Behandlung zufassen. In dem Wiechula sehen Schema sind die letzteren, hauptsächlich dem Gemüsebau vorbehaltenen Flächen so angeordnet, daß sie hinsichtlich der Bearbeitung als ein großes zusammenhängendes Feld angesehen werden können, das einheitlich beackert werden kann. Migge läßt es gar zu, den extensiven Teil des Gartens räumlich vom Hauptgrundstück zu trennen, um in allerdings nicht zu weiter Entfernung anderswo mit gleichwertigen Teilen der übrigen Koloniestellen ein zusammenhängendes Ganzes zu bilden. Diese räumliche Trennung geschieht jedoch weniger aus landwirtschaftlich-technischen Gründen als aus der Absicht heraus, dadurch die Gesamtgestehungskosten herabzuschrauben. Es ist äußerst lehrreich, in der Miggeschen Darstellung zu verfolgen, wie jeder Winkel und jede Wand (besonders innerhalb der zur Verfügung stehenden 200 Quadratmeter am Hause) ausgenützt werden, ohne daß dadurch die Kleinwirtschaft irgendwie den Charakter des Gezwungenem erhält, wie ja auch Abwässer und Abfälle, Müll und Fäkalien gerade in der vorhandenen Du r chsch n i ttsmenge als notwendige Bestandteile im garrentechnischen Kleinbetrieb ihren Zweck zu erfüllen haben. So wird der hohe Ertrag erklärlich, der die veranschlagte Gewichtsmenge von 28 Ztr. noch um 2,91 Ztr. übertrifft, und den Migge in einer ins Einzelne gehenden Aufstellung auf 510,60 Mk. (öder netto 429,35 Mk.) berechnet**), was einen Ueberschuß von über 10000 Mk. pro Hektar ausmachen würde. Schließlich sei auf die bevölkerungspolitische Seite solcher Kleinsiedlungen hingewiesen, die den Gedanken der Ueberlegenheit der vielköpfigen also arbeitsleistungsfähigeren Familie in sich verkörpern. L. W. *) Migge berechnet das Jahresbedürfnis einer fünfköpfigen Familie an, Gemüse auf 20 Ztr., an Obst aut 5 Ztr. An Frühkartoffeln sind für 2 Monate 3 Ztr. erforderlich. **) Im einzelnen setzen sich die Erträge wie folgt zusammen: Aut 400 qm Pfund Wert Gartengemüse 1116 205,70 Mk. Landgemüse 1025 131,40 „ Frühkartoffen 350 24,50 „ Obst 600 114— „ Kleintierzucht — 35,— „ Zusammen 3091 510,60 Mk.