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Volk und Land · 1919-01-09 · Heft 2 (9.1.1919) · p. Seite 55-56

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 2 (9.1.1919)
Date
1919-01-09
Page
Seite 55-56 (sequence 14)
Language
German
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56 55 i-^ ■■■ *.VOLK UND LAND |J= AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA - ARBEIT. | PALAESTINA Der aufstrebende Orient.’11) Baint und unerfreulich war die lange Kette der Leiden, die die Türken durch die Teilnahme am Kriege sich selbst und mehr noch ihren untergebenen Völkern bereitet hatten. Ein entsetzliches Bild des Elends entrollt sich vor unseren Augen, wenn wir an die verschiedenen Phasen des Krieges im Orient zurückdenken: Mißlungener Zug nach dem Suezkanal, Schläge und unerhörte, in der Geschichte der menschlichen Grausamkeit kaum noch übertroffene Metzeleien in Armenien (worüber erst jüngst kein geringerer als der frühere Botschafter Amerikas in Konstantiimopel, Henry Morgenthau, erschütternde und grauenerregende Einzelheiten nach authentischen Berichten und Aussagen zu erzählen wußte), Rückzug und Henkerarbeit in Syrien- Palästina, Austreibungen und Dejxxrtationen, Evakuierungen und Internierungen, Hungersnot und wirtschaftlicher Zusammenbruch, Scheiinglück in Gallipoll und den Dardanellen, Aergermsse nach Brest-Litowsk, und schließlich, militärischer Zerfall und politische Auflösung im ganzen asiatischen Machtbereich der Türkei. So sah der Weltkrieg in seinen Folgen für das ehemalige türkische Großreich aus. Für den Orient selbst aber, für jenen Volke rkompl ex hinter dem östlichen Mittelmeersaum und dem Suezkanal, für alle jene Millionen Menschen, die seit Jahrhunderten eine gesunde Entwicklung entbehren und unter Erpressungen, Zwangsmaßnahmen, Unterdrückungen und Aufreizungen von selten einer verhaßten und wesensfremden Behörde ihr Dasein fristen, mußten, bedeutet der seit dem Abschluß des Waffenstillstandes im Orient geschaffene Zustand den ersten Strahl einer aufgehenden Sonne, den Beginn des freien Aufstieges zu neuem Leben in Ruhe, Ordnung und Kultur. Unermeßlich sind die Schätze, die unter der verwüsteten Oberfläche Syriens-Mesopotamiens schlummern und der Verarbeitung harren. Ungeahnte seelische und physische Kräfte sollen nun in den nur äußerlich verkommenen Völkern zwischen dem Nil und dem Tigris ausgelöst und in gesundem, schöpferischem Wirken bestätigt Werden. Auf den Trümmern der alten Ruinenfelder von Bassorah bis zum Libanon soll nun ein neues Großreich friedlich nebeneinander lebender Nationen entstehen, wie es die Weltgeschichte seit den Tagen der besten, Kalifen im Orient nicht mehr gekannt hat. Schon jetzt, während noch die einzelnen militärischen Abteilungen der das Land befreienden englischen Truppen sich langsam hin und her bewegen, hat die Tätigkeit zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der weiten Gebiete des nahen Orients begonnen. In Syrien selbst und namentlich in dem Aegypten vorgelagerten Palästina werden sogar schon Projekte ausgearbeitet, wie die Schätze und Reidhtümer des Landes durch europäische Methoden zu heben und die Entwicklung in ein glückliches Geleise zu bringen sei. Und für jeden Kenner des Orients ist es zweifellos, daß ein bedeutender Aufschwung dieser Gebiete für die nächsten Jahre zu erwarten ist. Die Voraussetzungen für ein rasches Aufblühen des Wirtschaftslebens in den vorderasiatischen Gebieten _ sind sämtlich vorhanden, die zu deren Erfüllung noch ~ notwendigen verkehrstechnischen und' administrativen Einrichtungen werden seit der Besetzung dieser Gegenden durch britische Truppen eifrig vorbereitet oder sind zum Teil bereits im Betrieb. Mesopotamien wird durch eine groß angelegte Kanalisierung der beiden Flüsse, die bereits seit einem Jahre in Ausführung begriffen ist, ein erstklassiges Kornland werden; seine reichen PetroleumqueUen^ Erzlager und tierischen Produkte sollen vermittels guter Bahnen, Straßen und Schiffstransporten auf den Flüssen nach dem Indischen *) Nach: Neue Zürcher Zeitung vom 23. XII. 1918. Ozean oder nach Syrien-Europa gelangen können. Syrien besitzt Kohle, Seide (Libanongebiet), Anfänge von Büumwollkultureii, die verzehnfacht werden können, Süd- | fruchte usw. (in der überaus fruchtbaren Damaskus- ' ebene), alles Produkte erster Güte, die nur darauf ‘ warten, daß man sie zweckentsprechend verwerte und vermehre. Was speziell Palästina anbetrifft, welches | unter den Türken von allen orientalischen Provinzen! am meisten vernachlässigt würde, so steht ihm durch! die zu erwartende starke Einwanderung kapitalkräftiger I und arbeitsfähiger Elemente aus allen Teilen des jüdischen Volkes eine ganz hervorragende Zukunft bevor. Die Entwicklungsmöglichkeiten dieses die gesamte Menschheit interessierenden Ländchens verdienen etwas eingehender besprochen zu werden, j Palästina ist heute mehr als zur Hälfte bra-chi liegend, die bearbeiteten Landstriche ergeben, infolge der schlechten Arbeitsmethöden der unkundigen arabischen Bevölkerung, eine unter dem Durchschnitt zurückbleibende Ernte, d'ie einst blühenden Terrassenkulturen sind vollständig vernachlässigt und das Land des Oelbaumes und der Rebe produziert eigentlich nur in den jüdischen Kolonien Wein und Südfrüchte, deren Qualität allerdings erstklassig ist. Reiche Wassermengen, die zu Bewässerungs- und Kraftzwecken verwendet werden können, fließen nutzlos ins Mittelländische oder Tote Meer ab, bedeutende Phosphatlager und Asphalt-! quellen (im und um das Tote Meer) werden entweder gar nicht oder erbärmlich ausgebeutet, und der Verkehr in diesem so zentral gelegenen Lande war bis vor ein paar Jahren unglaublich schlecht und unsicher. Nun ist Palästina, dank seiner geographischen Lage — zwischen Aegypten und Syrien, an der Küste des Mittelmeers — dazu ausersehen, ein idealer Vermittler und Hauptknotenpunkt zu werden zwischen Südosteuropa und Vorderasien-Arabien. Palästina besitzt aber noch eine Eigenschaft, die für seine rasche Entwicklung von großer Bedeutung ist: es ist ein vorzügliches Touristenland. Wie die Schweiz, Italien, Aegypten und Griechenland, besitzt Palästina neben den natürlichen Reizen, die in Galiläa zu hehrer Pracht und berückender Schönheit emporsteigen, auCh viele historische und die meisten religiösen Altertümer der ganzen Welt. Schon in den Zeiten der türkischen Herrschaft, wo die Wege schlecht, ja lebensgefährlich waren und man kaum ohne bewaffnete Begleitung reisen konnte, war die Zahl - der alljährlich und aus aller Herren Länder hinströmenden Reisenden, Pilgerer und Attertümertreunde eine ganz gewaltige. Heute, wo die Gefahren der Reise beseitigt sind und' das Land infolge der Einbeziehung in das britische Reich auch verkehrstechnisch besser stehen wird, ist ein Touristenverkehr zu erwarten, der in die Hunderttausende gehen und dem Land eine Fremdenindustrie Zufuhren wird, wie man sie in den wenigsten europäischen Ländern kennt. Schon entwirft man in Jaffa und Jerusalem Baupläne für große, moderne Hotels, für d'ie Anlage von Wasserwerken und Straßenbahnen, für neue, gut ausgestattete Wohnhäuser, für die großen Hafenanlagen in Haifa und Jaffa, und die Vorbereitungen für die kommende große Zuwanderung werden von Fachleuten betrieben. Jüdische Agronomen und Ingenieure studieren die Möglichkeiten für die Ausdehnung der Kulturen und namentlich der so nutzbringenden Plantagen im Küstengebiet. In Jaffa ist der Boden für ungefähr tausend neue Häuser seit Jahr und Tag parzelliert, mit Wasserleitungen versehen und zum Teil auch in Straßen und Viertel eingeteilt, wie man seinerzeit in Amerika und Australien große Stadtanlagen, errichtete, lange bevor die Häuser darauf entstanden waren. Entwürfe für die Versorgung Jaffas mit Elektrizität unter Benützung des nahen Audschawasserlaufes, der zugleich auch für die Bewässerung von einigen hundert Orangerien benützt werden soll, sind bereits in Ausarbeitung. Die Errichtung eines neuen Stadtteils in der Umgebung der Universität in Jerusalem wird' studiert. Durch die ausgezeichnete Verbindung mit Damaskus ist Haifa ausersehen, der größte Hafen des Landes zu werden.

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