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Volk und Land · 1919-01-09 · Heft 2 (9.1.1919) · p. Seite 47-48

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 2 (9.1.1919)
Date
1919-01-09
Page
Seite 47-48 (sequence 10)
Language
German
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47 VOLK UND LAND 48 DER LIBANON Von Dr. A. R u p p i n. Al* im Jahre 1517 Sultan Selim I. Jawus Syrien eroberte, beließ er den Libanon mit seiner tapferen und wilden Bevölkerung, den Drusen, unter der Herrschaft von Emiren, die dem Sultan einen jährlichen Tribut zu zahlen hatten, im übrigen aber fast völlige Unabhängigkeit besaßen. Der vorletzte Emir war Beschir Omar (1790—1841), der den Ägypter Mehemed Ali bei seinem Zuge nach Syrien und Kleinasien unterstützte. Er wurde 1841 verjagt. Sein Nachfolger, Besir Kaschem, regierte nur ein Jahr und wurde durch zwei vom Sultan eingesetzte Statthalter abgelöst. Aber das Regiment der Statthalter brachte dem Lande keine Rühe. Es kam zu blutigen Kämpfen zwischen den mohammedanischen Drusen und der christlichen Bevölkerung des Libanon, deren Zahl im Laufe der Zeit durch die Tätigkeit der christlichen Missionare und durch Zuwanderung aus dem übrigen Syrien sehr gewachsen war. Das: liebliche Libanonstädtchen Zahle erlebte zahlreiche Ueberfälle der Drusen, bei denen hunderte von Christen in der Stadt getötet wurden. Durch den Einfluß der für ihre Schützlinge besorgten Missionare nahmen sich Frankreich und unter seinem Einfluß auch die übrigen Großmächte der Sache der libanesischen Christen an. Es kam zu Verhandlungen mit der türkischen Regierung, die damit endeten, daß diese am 9. Juni 1861 ein Reglement über die Verwaltung des Libanon erließ, das im Jahre 1864 durch ein zweites Reglement ergänzt wurde. Durch diese Reglements wurde den Libanesen Befreiung vom Militärdienst, Beschränkung der Steuern auf einen Maximalbetrag, eigene Gendarmerie und Selbstverwaltung unter einem vom Sultan mit Zustimmung der Großmächte auf je fünf Jahre ernannten christlichen Gouverneur zugesichert. Im Jahre 1915 hat die türkische Regierung bei der Neubesetzung des Gouverneurpostens einen Mohammedaner, Ali Munif-Bei, dem der Ruf eines tüchtigen Verwaltungsbeamten voraufging, zum Gouverneur des Libanon berufen. Ich hatte Gelegenheit, Ali Munif-Bei kurz nach seinem Amtsantritt im November 1915 in seiner Winterresidenz Baabda, wo er das Schloß der alten Emire bewohnt, zu besuchen und mit ihm über die wirtschaftliche Lage des Libanon und seine Pläne für die Zukunft des Landes zu sprechen. Er erteilte mir in liebenswürdigster Weise Auskunft und diktierte mir selbst die Bevölkerungsziffern der einzelnen Kreise, die er aus den herbeigeschafften Akten feststellte. Danach zählt der Libanon heute in seinen 8 Kreisen insgesamt 407 750 Einwohner. Seine Oberfläche beträgt 3200 qkm und zwar sind davon Gute Ackererde . .. 100 qkm 3 °/o Mindere Ackererde. 300 „ 9 °/o Wälder . 600 „ 18 o/0 Nicht bebaut . 2200 „ 70 o/o Wenn man die nicht bebaute Fläche und die Wälder außer Ansatz läßt und nur den bebauten Boden berücksichtigt, so ergibt sich eine Bevölkerung von 1019 Bewohnern auf den qkm. Diese außerordentlich dichte Bevölkerung findet im Libanon nicht genügende Existenz, und die Folge ist eine von Jahr zu .Jahr wachsende Auswanderung der Libanesen nach Amerika. Am stärksten ist die Tendenz zur Auswanderung unter den Christen, die übrigens zum größten Teil der maronitischen Kirche angehören, weniger stark unter den Mohammedanern. In den letzten Jahren vor dem Kriege sind durchschnittlich jährlich etwa 10 000 Libanesen nach Amerika, speziell nach Südamerika, ausgewandert. Sie beschäftigen sich dort hauptsächlich mit dem Hausierhandel und gelangen, wie mir der deutsche Konsul in Tripoli mitteilte, in erstaunlich kurzer Zeit dazu, Geld zu verdienen und Ersparnisse zu machen. Der Handelsgeist der alten Phönizier und Syrer ist in diesen Leuten noch rege. Die Auswanderer haben nach fünf- bis zehnjährigem Aufenthalt in Amerika gewöhnlich 10 000 bis 20 000 fres. erspart und kehren dann mit diesem Gelde in die Heimat zurück oder schicken es ihren Verwandten. Diese Geldsendungen bilden eine wesentliche Existenzquelle für die Libanonbevölkerung. Nach den Angaben des Herrn A. A. Narrache, Inspektors der Landwirtschaft im Libanon, betragen die gesamten Einnahmen der Libanonbevölkerung. 1. Geldsendungen aus Amerika . . . 2. Einnahmen aus der Seidenraupenzucht 3. Einnahmen aus sonstigen landwirtschaftlichen Produkten .... 4. Einnahmen aus der Seidenspinnerei 5. Einnahmen aus dem Fremdenverkehr 6. Einnahmen aus der Industrie (Gerberei, Spirituosen, Herstellung von Seife, Spitzen, Zigaretten) . . . 20 000 000 fres. 13 500000 „ 7 000 000 „ 3 500 000 „ 3 500 000 „ 2 500 000 Summe 50 000 000 fres. Die Geldsendungen aus Amerika stehen also an erster Stelle. Neben ihnen bildet die Zucht der Seidenraupe und die Seidenspinnerei die Haupteinnahmequelle. Da durch den Krieg sowohl die Geldsendungen aus Amerika als der Versand der Seide, die bisher fast ausschließlich nach Lyon ging, sehr erschwert oder unmöglich geworden sind, ist die wirtschaftliche Lage des Libanon zurzeit keine rosige. Was noch am meisten blüht, ist die Zigarettenindustrie. Der Libanon ist nämlich das einzige türkische Gebiet, wo das Zigarettenmonopol der türkischen Tabakregie nicht in Kraft ist, und der Anbau von Tabak und die Zigarettenfabrikation jedermann freisteht. Da der Krieg den Zigarettenbedarf sehr gesteigert hat, und die Regie den Bedarf an Zigaretten in Syrien nicht immer decken kann, so. sind die — übrigens recht guten — Libanon-Zigaretten sehr begehrt und werden, trotzdem ihr Verkauf außerhalb des Libanon verboten ist, doch weithin nach Syrien verbreitet. Erwähnenswert ist auch die Fabrikation von Wein und Arrak. Besonders in einigen christlichen Klöstern bei Schtora wird ein Wein gebaut, der wegen seiner ausgezeichneten Qualität berühmt ist und nach Frankreich ausgeführt wird. Der kulturelle Stand der Libanesen ist vergleichsweise hoch, (besonders der Christ liehe Teil der Bevölkerung Wat) sich durCh den Einfluß der Missionare und die von ihnen gegründeten Schulen eine ziemlich gute Bildung erworben. Dazu kommt, daß die Auswanderer, die aus Amerika zurückkehren, dort vieles gesehen und gelernt haben. Sie verstehen es, mit ihrem ersparten Gelde hübsche Häuser zu bauen, so daß die Libanondörfer und Städtchen einen recht anziehenden Eindruck machen. Die Neigung der libanesischen Rückwanderer, das in Amerika ersparte Geldi zum Ankauf von Boden zwecks Bau eines Hauses oder Anlage einer Baumpflanzung zu benutzen, hat bei dem wenigen vorhandenen Boden die Bodenpreise zu schwindelhafter Höhe getrieben. Die wirtschaftliche Zukunft des Libanon wird durch die Wolke getrübt, die über der Seidenzucht lagert, die libanesische Seidenzucht und Seidenspinnerei kämpft einen schweren Kampf gegen die chinesische Konkurrenz, und es ist fast zu befürchten, daß sie in diesem! Kampfe Unterliegen wird, weil ihr so billige Arbeitskräfte wie in China nicht zur Verfügung stehen. Die Folge wird eine erneute Vermehrung der Auswanderung sein, wenn es nicht gelingt, die Seidenraupenzucht durch andere lohnende Kulturen zu ersetzen. Teilweise hat man schon begonnen, die der Seidenraupenzucht dienenden Maulbeerpflanzungen auszuroden und dafür Orangen zu pflanzen. Jedenfalls hatte der Gouverneur Ali Munif-Bei recht,

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