Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1919)
- Date
- 1919-01-09
- Page
- Seite 41-42 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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41 VOLK UND LAND 42 liehen und bei wachsendem Verkehr eventuell ohne allzu einschneidende Veränderungen zu solchen ausgebaut werden können. Eine noch einfachere Uebergangsform würden die ,,gleislosen Bahnen“ darstellen, die den Straßenkörper benutzen und so einen besonderen Unterbau vollständig entbehren können. Wo große Gebirgssteigungen zu überwinden sind, wird unter manchen Verhältnissen die Anwendung von Seilbahnen oder die Einschaltung von. Zahnradstrecken in eine normale Reibungsbahn am Platze sein, so wie letztere bei Ueberschreitung des Libanon auf der Bahnlinie Beirut—Damaskus Vorkommen. Die Ausnutzung der Wasserkräfte wird eine Elektrisierung der Bahnen ermöglichen und die Betriebskosten wesentlich herabsetzen. *) Der Bahnbau wird im Gebirge viele Schwierigkeiten bieten und Sprengarbeiten, Tunnels und zahlreiche Kunstbauten erfordern. Auch viele Anlagen aus anderen technischen Gebieten, Hochbauten, Wasserversorgungen usw. werden durch die Eisenbahnen notwendig. Mit der Befriedigung der beiden grundlegenden Forderungen, der rationellen Ausnützung der Wasservorräte und Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, ist die Reihe der technischen Aufgaben bei weitem noch nicht erschöpft. Wenn zwar nicht von ebenso fundamentaler Bedeutung, so doch von großem Einfluß auf das Kulturniveau ist die Anlage und Einrichtung der menschlichen Siedlungen. Der S i e d I u n g s b a u soll nicht nur die Städte umfassen, — ich vermeide daher den üblichen Ausdruck „Städtebau“ —, sondern nicht minder die ländlichen Wohnstätten bzw. alle Zwischenstufen der „Gartenstadt“ und des „Industriedorfes“, von denen sich gerade für unser künftiges Gemeinwesen eine gesunde Lösung des Siediungsproblems — und zum Teil wohl auch der sozialen Frage — erwarten läßt. **) Der Siedlungsbau hat in gleicher Weise ästhetische, verkehrstechnische und hygienische Momente zu berücksichtigen. Daß die älteren Stadt- und Dorfanlagen Palästinas in dieser Beziehung selbst bescheidenen Anforderungen nicht genügen, ist kaum anders zu erwarten. Doch auch die Gründungen des neuen Jischuw lassen noch viel zu wünschen. An den bestehenden Ortschaften lassen sich durchgreifende Aenderungen schwer vornehmen, doch immerhin durch Straßenregulierungen, -Verbreiterungen und -durchbrüche Verbesserungen schaffen. Umso dringender ist es daher, die Gestaltung der künftigen f Stadterweiterungen und Nettgründungen nicht mehr wie bisher der Willkür, dem Unverstand oder dem Geschäftsinteresse Einzelner zu überlassen. Allen Neuanlagen müssen Bebauungspläne zu Grunde gelegt werden, die, jeder schematischen Gleichförmigkeit fern, mit künstlerischem Blick und Sachverständnis den natürlichen Verhältnissen und besonderen Eigenheiten anzupassen sind. Das Gesamtbild muß durch geschickte Linienführung der Straßenzüge und Einfügung von Plätzen, Verteilung der öffentlichen Gebäude und reiche Ausstattung mit Grünanlagen anziehend gestaltet und vor Eintönigkeit bewahrt werden. Was für die Gesamtanlagen, gilt auch für die einzelnen Hochbauten. Auch hier müssen wir uns, im Gegensatz Zu den bisherigen Anfängen, zu einer gewissen Großzügigkeit erheben, die von künstlerischem und technischem Können getragen sein muß. Da wir unser eigentliches Werk noch *) Siehe S. 2, Anm. 2. **) Für diese Zwischenbiildungen setzt sich besonders Davis Trietsch energisch ein, so zuletzt in seinem Werk „Jüdische Emigration und Kolonisation“, Berlin 1917. S. 265-316. vor uns haben, sind wir in der Lage, uns das Lehrgeld zu ersparen, das im Westen durch die Bausünden vergangener Zeiten gezahlt werden mußte, und uns die Grundsätze modernen Bauempfindens, die sich durchgerungen haben, zu eigen zu machen. Entwicklung des Bauwerks aus seiner Zweckbestimmung, Anpassung an die Umgebung, Materialcchtheit, Vermeidung unorganischen Beiwerks — das sind die grundlegenden Faktoren, die sowohl ein ästhetisch befriedigendes, wie ökonomisches j Bauen gestatten. Wir müssen uns ebenso von einer verschwenderischen Bauweise, wie von einer durch Sparsamkeit diktierten Dürftigkeit fernhalten. Für Uebergangszeiten mag man sich mit Provisorien (Zelten, transportablen Baracken u. dgl.) i behelfen; alle dauernden Wohnstätten sollen j jedoch den Stempel der Solidität und Behaglich- | keit tragen. Angesichts der Aufgabe, größere Meni schenmassen in verhältnismäßig kurzen Zeiträumen seßhaft zu machen, wird es sich natürlich nicht umj gehen lassen, zur Beschleunigung und Verbilligung eine Reihe sich wiederholender Typen anzuwenden, die jedoch bei geschickter, wechselnder Anordnung und Einfügung in den örtlichen Rahmen nicht eini tönig zu wirken brauchen. Die Eigenart des Orients | mit seinen klimatischen Sonderheiten und abwei- | chenden Lebensformen erfordert volle Berücksich- | tigung, jedoch nicht durch sklavischen Abklatsch i von Vorbildern, sondern durch verständnisvoll einfühlendes, selbständiges Schaffen. Auch beimWohj nungsbau ist auf die Belebung durch Garten an lagen j besonderes Gewicht zu legen, die bei keinem Hause | fehlen sollten. Vollends das öffentliche Bauwesen, das j die Aufgabe hat, repräsentativ und vorbildlich zu | wirken, erheischt höchstes technisches Können und künstlerische Reife. Es gilt, einen Monumentalstil zu schaffen, der sich aus dem Charakter des Orients und jüdischer Eigenart heraus entwickeln müßte. Die Anknüpfung an die Vergangenheit ist schwierig, da nur sehr dürftige Baureste auf die Gegenwart überkommen sind. Ein warnendes Beispiel muß uns der Synagogalbau des Westens sein, dessen meist trostlose Schöpfungen vorwiegend durch einen ganz unechten „orientalischen Stil“ beherrscht werden. Als erfreuliche Ausnahme, die wegweisend wirken kann, nenne ich die 1912 eingeweihte Triester Synagoge der Architekten Berlam, die Anregungen von neu entdeckten altsyrischen Bauten schöpferisch weiterentwickelt. Auch das Hauptgebäude des noch unvollendeten Technikum in Haifa von Bärwald kann, von Einzelheiten abgesehen, als Vorbild gelten. Der Zukunft bleiben hier große Aufgaben zu lösen. An die Schöpfungen des Hochbaues reihen sich die Arbeiten des städtischen Tiefbaus an, die nicht nur den Stadtanlagen, sondern in bescheidenerem Maße auch den ländlichen Siedlungen zu gute kommen müssen. Hierher gehört die Befestigung der Straßenoberfläche, die heute noch ein sehr wunder Punkt ist. Außer den vorherrschenden Methoden der Chaussierung und Pflasterung mit natürlichen Steinen kommt auch das Asphaltpflaster in Betracht, dessen Rohmaterial im Lande vorhanden ist. Weiter schließen sich die sanitären Einrichtungen an, von denen besonders die Trinkwasserversorgung und Kanalisation eminente Bedeutung für den Gesundheitszustand der Bevölkerung besitzen. Die heute vorwiegende Art der Wassergewinnung aus Zisternen ist nach Möglichkeit auszuschalten. Ueberhaupt sind die kostspieligen und schwer zu kontrollierenden Einzelanlagen durch zentrale Wasserwerke zu ersetzen. In erster Linie kommen Grundwasser, das durch Brunnen zu erschließen ist, und Quellwasser in Betracht