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Volk und Land · 1919-01-09 · Heft 2 (9.1.1919) · p. Seite 35-36

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 2 (9.1.1919)
Date
1919-01-09
Page
Seite 35-36 (sequence 4)
Language
German
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‘35 VOLK UND LAND 36 und unerwarteten Wendungen abzufinden weiß. Besonders wichtigist dabei das Temperament. Nie- I mals können für diese Aufgaben solche Leute ge-; nügen, die von sich aus zu anderen Grundäuffassungen neigen. Nur wer in solcher Arbeit i seine eigenen Gedanken a u s f ü h r t oder j wenigstens in den ihm gestellten Aufgaben seine j eigene Gedanken r i c h t u n g w iederfindet, kann! hier Ersprießliches leisten! I Gerade das aber braucht uns keineswegs zu j entmutigen. Beweglichkeit des Geistes und Initiative j gehören zu den hervorragendsten jüdischen Qualitäten. Es kommt nur darauf an, die geeigneten Mitarbeiter heranzuziehen und den Bürokratismus auszuschalten, der da glaubt, daß> die ^Routine“ j mit allen Problemen fertig werden kann. | Das Maximum des Möglichen, das wir erj streben müssen (!), hat zwei Arten von Feinden.! Nämlich nicht nur die Warner (Warner aus Temperament, aus Mutlosigkeit und aus Unkenntnis tatsächlicher Möglichkeiten). Diese sind die minder gefährlichen. Denn ihnen kann man den Mehrheitsbeschluß derer entgegenstellen, denen das Maximalprogramm das richtigere scheint. Oder noch besser: den entschlossenen Willen derer (gleichviel ob Majorität oder Minorität) die sich ihre Lebensnotwendigkeiten von keiner Mehrheit und von keiner „Behörde“ beeinträchtigen lassen wollen.*) ] Denn hier droht die größere Gefahr. Nämj lieh die, daß die Durchführung eines neuen Proj gramms oder Prinzips „den eingearbeiteten Instanzen“ eines alten Regimes überantwortet werden' könnte. Diese neigen aber fast grundsätzlich dazu, j ihren von den neuen Auftraggebern abgelehnten! Standpunkt wissentlich oder unwissentlich, durch Taten oder durch Unterlassungen, doch wieder zur Geltung zu bringen. Ueberträgt man den überstimmten Warnern die neue Aktion, so werden sie ja förmlich darauf warten, sagen zu können: „Wir haben es vorausgesehen, wir haben gewarnt.“ Das ist der Weg, wie große Dinge scheitern. Hier ist der Feind! Das Problem der Bewegung großer Menschenmassen ist keineswegs neu. Wir finden es schon in der Geschichte des Altertums und auch in unserer eigenen. Wie sehr auch manche überkommene Ziffern übertrieben sein mögen, so haben doch zweifellos ganz große Wanderungen und Heereszüge stattgefunden, und wir wissen auch von großzügigen Kolonisationen, von Städtegründungen, die ganze Entwicklungsreihen übersprangen und; dergl. mehr. f Aber im modernen Sinne können wir von Massenwanderung erst sprechen, nachdem — etwa seit einem Menschenalter — das Verkehrswesen sich so mächtig entwickelt hat, und auch die (Massensiedlung hat neue Aspekte gewonnen, seit Organisation und Produktion ihre neuzeitlichen Dimensionen angenommen haben. i Alles dies .galt schon für die Zeit vor dem Kriege. Sowohl die Verkehrsverhältnisse wie die Möglichkeiten der Organisation, der Verpflegung *) Auch diese brauchen Organisation — j aber eine, die sie besser fähig machen soll ihr Ziel j zu erreichen; nicht eine solche, die sich ihren Zwecken j entgegenstellt. j usw. waren hinreichend entwickelt, um Aufgaben wie die Ueberführting und Installierung einiger Hunderttausende im Jahre bewältigen zu können. Aber immerhin hat der Weltkrieg diese Möglichkeiten vervielfacht und zum Teil auch in praktischer Hinsicht sehr wesentlich erleichtert. Schon die Vorstellung von den Schwierigkeiten großer Menschentransporte, der Beschaffung der Nahrungsmittel und sonstigen Bedarfs auf weite Entfernung, der Bereitstellung vom Unterkünften provisorischer und stabiler Art — alle diese Dinge, die im Weltkriege für Dutzende von Millionen bewältigt werden mußten, können uns nach den dabei gemachten Erfahrungen keineswegs mehr solche Besorgnisse einflößen, wie es vordem vielleicht der Fall gewesen wäre. Haben doch zahlreiche Führer in diesem Kriege sich vor Aufgaben gesehen, wie die Heranschaffung von so-und-soviel hunderttausend Mann in einem bestimmten Gelände und innerhalb bestimmter, kurz bemessener Frist. Trotzdem es dabei oft genug an feindlicher Gegenwirkung nicht gefehlt hat, wurde diese Aufgabe mit allem, was damit zusammenhängt, wie Verpflegung, Nachschub von Munition und Ersatztruppen usw. immer und immer wieder restlos durchgeführt. Vergleichen wir mit solchen Aufgaben diejenigen, die uns bevorstehen — bei denen es sich also im schwierigsten Falle darum handeln würde, einige hunderttausend Leute im Jahre oder etliche tausend in der Woche nach Palästina zu bringen, so verliert diese Aufgabe jeden Anschein der Unbezwingbarkeit. Schon vor dem Kriege wären zahlreiche Schiffsgesellschaften der wichtigsten Seestaaten imstande gewesen, einen solchen „Transportauftrag“ mit Hilfe ihrer eigenen Schiffe durchzuführen. Heute wären wir in der Lage, mit etwa 4 oder 5 Dampfern, die beständig zwischen den Ausvvanderungshäfen und Palästina hin und her zu pendeln hätten, die oben skizzierte Aufgabe zu lösen und gleichzeitig alles das mit heranzuschaffen, was für den Unterhalt und die zahlreichen, für den Aufbau nötigen Arbeiten erforderlich ist. Die Frage der Beförderung muß — was den Umfang des Unternehmens betrifft — ihre Schrecken verlieren, wenn wir uns überlegen, daß ein Schiff, das für den Transport von 2000 Auswanderern Raum bietet, von Odessa nach irgend einem Hafen der palästinensischen Küste im Jahr in etwa 20 Fahrten 40 000 Leute befördert. Es gehören also recht wenig solcher nicht einmal übertrieben groß angenommener Dampfer dazu, um eine sehr erhebliche Einwanderung zu bewältigen. Nun mag man sich Tragen, woher in dieser Zeit der Schiffknappheit die erforderlichen Fahrzeuge zu nehmen wären. Zunächst ist die Schiffknappheit aber in Wirklichkeit nicht so groß, wie mancherorts angenommen wird. Der Schiffs bau hat dagegen ungeahnte Dimensionen angenommen und dürfte zur Zeit im einzelnen Monat fast soviel Tonnen produzieren als ganz Rußland vor dem Kriege an Dampfern besessen hat. Auf alle Fälle genügt eine gegenwärtige Wochenproduktion, um den gesamten Frachtraumbedarf unserer Auswanderung zu decken. Es kommt noch hinzu, daß die jüdische Auswanderung nach Palästina selbst bei einer Anfangsmenge von 10 bis

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