Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- Seite 27-28 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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27 VOLK UND LAND 28 auf die Qualität der palästinensisch-jüdischen Bevölkerung und seine Bemerkung nichts ändern, daß 200 000 Juden bereits ein jüdisches Palästina bedeuten. Denn so .ernst und eindringlich Lichtheims Ausführungen im Sinne der größtmöglichen Förderung einer geregelten Einwanderung gemeint waren, so war doch im Hörer der Gedanke vorherrschend, daß in der Tat die so eingeschränkte Aufgabe des künftigen Einwanderungsamtes in Palästina und der in den Galuthländern zu begründenden Auswanderungsämter zum großen Teil sich darin erschöpfen müsse, vor der Einwanderung nach Palästina zu warnen und 'den Strom der nicht mehr aufzuhaltenden Wanderung in andere Bahnen zu lenken. Diesej Empfindung wurde insbesondere von dem als Gast der Tagung beiwohnenden Rechtsanwalt Rosenbaum aus Wilna Ausdruck gegeben, der darauf binwies, daß Kapital und Volksmassen nach Palästina sich in Bewegung setzen würden, ob man wolle oder nicht, und daß jede Ablenkung ein untauglicher Versuch bl eiben werde. Davis Tr ietisch, H. Goslar und Dr. Sternberg waren die Wortführer jener Richtung, die es ablehnt, die Massen von der Wanderung nach Palästina abzuschrecken, und der es sich darum handelt, die Probleme der jüdischen Massenemigratiotn im Sinne der Palästinasiedlung zu lösen. Nach Trietsch ist die jüdische Alassemmmigration nach Palästina vor allem eine politische Notwendigkeit, Aus der gegenwärtigen günstigen politischen Situation ergebe sich für das jüdische Volk die Konsequenz, so schnell wie möglich in Palästina sich eine zahlenmäßige Majorität zu schaffen. Zu diesem Zwecke gelte es, die ungeheueren organisatorischen Möglichkeiten auszunutzen, die der Weltkrieg gezeigt habe. Es sei keine Zeit dazu, die jüdischen Menschen erst tauglich zu machen. Aufgabe sei es, die vorhandenen Fähigkeiten der Juden mit den Bedürfnissen des Landes in Verbindung zu bringen. Da komme man zu einer starken Betonung der Industrie, deren das Land zum Aufblühen bedürfe und die den Fähigkeiten der Juden entgegenkomme, während besonders die Getreideproduktion als am wenigsten dringlich zu bezeichnen sei, da das Land, insbesondere das wichtigste Getreidegebiet des Hauran, Getreideüberschüsse aufweise, die für das Vierfache der gegenwärtigen Landesbevölkerung ausreicliten. Den jüdischen Fähigkeiten angepaßt sei die Idee einer Verbindung von Landwirtschaft und Industrie, der Plan einer Verbindung intensivster Bodenkultur mit industrieller Betätigung in der Form von Gartenstädten und Industriedörfern. Soweit eine Umschichtung nötig wäre, wie z. B. bei den Kaufleuten, seien Berufstätigkeiten zu wählen, deren Erlernung (wie Pflege von Baumpflanzungen und der Gemüsebau) keinen besonderen Schwierigkeiten begegne. Diesen beiden Richtungen stand eine dritte Gruppe gegenüber, die dem Streit keim Verständnis entgegenbrachte, ob die Kolonisation schnell oder langsam vor sich gehen solle, die die Aussprache über praktische Einzelheiten für massig hielt, da sie vor das Forum von Sachverständigen gehöre, die lediglich den Geist festgelegt wissen wollte, der die neue jüdische Siedlung beherrschen solle und teils aus sozialistischen Anschauungen., teils aus einer besonderen jüdischen Auffassung der Probleme heraus der Sozialisierung des Grund und Bodens, der Ausschaltung des Privatkapitals und des Verhältnisses des Arbeiters zum Unternehmer das Wort redete, ohne jedoch imstande zu sein, schon jetzt geeignete Vorschläge zur Durchfühunrg des Prinzips zu machen. Gegen diese Gruppe polemisierte unter anderem mit großer Schärfe Dr. Becker, der davor warnte, das schwierige Experiment der jüdischen Massemsiedlung auf unvorbereitetem Boden dadurch zu 'komplizieren, daß man es mit einem noch vollständig unerprobtem sozialistischen Experiment verquicke. Er und andere hoben hervor, daß es des sozialistischen Experimentes nicht bedürfe und es unter dem noch herrschenden europäischen Wirtschaftssystem genug Möglichkeiten gebe, der Bodenspekulation entgegenzutreten und den Geist sozialer Gerechtigkeit zu verwirklichen. Schließlich seien im diesem Zusammenhang noch die kulturellen und religiösen Forderungen für die jüdische Siedlung erwähnt, die in der Gruppe der Misrachisiten ihre Vertretung fanden., für die der vielfach wiederholte Grundsatz gilt, daß der Zionismus in. seinen Einrichtungen nichts unternimmt, was dem jüdischen Religionsgesetz widerspricht. Dr. L. Weinberg. LANDWIRTSCHAFTLICHE RATSCHLAEGE. Aus „Hachaklai“*). Eine kleine Wirtschaft ist wertvoller als eine große, denn der Besitzer bearbeitet sie selbst. Es gibt keinen schlechten Boden, denn den minderwertigsten verwandelt sorgfältige Bearbeitung in guten. Der Boden schenkt nichts, sondern leiht nur. Gib der Erde, wie du von ihr zu empfangen wünschst. Vieles Hacken spart Bewässerung. Vertilge die Feinde deiner Pflanzen, denn sie sind auch deine Feinde. Sorgfalt in der Feldbearbeitung erwirbt Reichtum. Zum Leben gehört Ueberlegung, zum Arbeiten ein Plan. Lerne aus deinen Fehlern und von deinen Nachbarn. Eine gute Kuh nährt alles, eine schlechte Kuh frißt alles. Vom Boden kommt alles, zum Boden kehrt alles zurück. Ein guter Kutscher braucht keine Peitsche. Beim Menschen beginnt mit dreizehn Jahren die Pflicht; ein Pferd von dreizehn Jahren wird verkauft. Kaufe einen Sattel für das Pferd und nicht ein Pferd für den Sattel. Gib deinem Boden Nahrung und Licht, damit nicht deine Familie hungere. Die am meisten bei uns vorkommende Viehkrankheit Ist — der Hunger. Dein Tisch sei stets mit Gemüse, Fleisch und Milch aus der eigenen Wirtschaft gefüllt. Der Boden ist eine Sparkasse, und der Pflug der Schlüssel dazu. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; aber noch schlimmer ist ihm eine Gefährtin, die nicht an seiner Arbeit teilnimmt. *) „Hachaklai“ ist eine hebräische landwirtschaftliche Zeitschrift, die seit 1910 in Jaffa herausgegeben wird. Das gesamte Material der bisher erschienenen Jahrgänge ist im Wirtschafts-Archiv der „Jüdischen Gesellschaft für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas“ verarbeitet.