Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- Seite 23-24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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In diesem Schreiben läßt Zangwill durchblicken, daß auch andere der Jto den Rücken kehren, ,.in dem Augenblick, wo die Pogrome in Polen zeigen, wie töricht es wäre, unsere ganze territoriale Zukunft mit einem einzigen Lande zu verknüpfen, und während die Friedenskonferenz sich vielleicht mit anderweitigen Plänen für ein Gebiet der Neuen Welt oder sogar des neuen Rußland zu beschäftigen haben würde“... Zangwill erinnert Sir Abrahams daran, daß unter des letzteren Mitwirkung — am 15. November 1917 — die folgende Resolution einstimmig von der Ausschuß-Sitzung der Jto angenommen worden sei: „Die Jüdische Territorial-Organisation. die begründet wurde, um für diejenigen Juden, die in ihren bisherigen Aufenthaltsländern nicht bleiben können oder wollen, ein Territorium mit Selbstverwaltung zu beschaffen, erklärt ihre Bereitwilligkeit mit den Zionisten zusammenzuarbeiten, um einen Plan für die Entwicklung Palästinas in Uebereinstimmung mit ihrem Programm aufzustellen.“ In der Begründung zu diesem Anträge hatte Zangwill gefordert: „ ... das größtmögliche Territorium mit der größtmöglichen Selbstverwaltung für die größtmögliche Anzahl von Juden.“ In den — von den seihen abweichenden — Plänen Sir Lioneis und Dr. Weizmanns, die er seinerseits für „unvertretbar und undurchführbar“ erklärt, sieht Zangwill nur eine langsamere Beseitigung des arabischen Elementes, dje in ethischer Hinsicht nichts anderes bedeuten würde als die plötzliche Beseitigung, die er selbst empfiehlt. Er möchte sogar in seinem Plane der Aussiedlung von vornherein den ethisch besseren Weg erblicken, mit den Arabern ein ».ehrliches, offenes, freundschaftliches, Wilsonsches Geschäft zu machen“, als sie durch langsame Kampfmethoden allmählich zu verdrängen. Selbst für den Fall einer jüdischen Majorität würden nach Zangwill zwei Nationalismen denselben Boden beanspruchen. Dies erinnere ihn an den tiefsinnigen Vers von der jungen Dame, die es gelüstete, einen Spazierritt auf einem Tiger zu unternehmen. Sie kehrten beide zurück — aber die Dame innerhalb des darob vergnügten Tigers.*) Zangwill macht auch geltend, daß nur jüdische Kritiker seinen Vorschlag abgelehnt hätten. Ein großer englischer Klub hätte seiner Behauptung durchaus zugestimmt, daß nur eine jüdische Majorität ihren Musterstaat aufrichten könne. Sogar die „Morning Post“ (ein nicht sehr pro-semitisches Organ) verlangte nur, daß „die gegenwärtigen Besitzer Palästinas ausgekauft werden müßten“, was genau seinem Standpunkt entspreche und schließlich auch das Billigste sein würde. Für solche Um- und Aussiedlungen gäbe es historische Präzedenzfälle in den Wanderbewegungen primitiver Völker; die letzte sei der große „Trek“ der gesamten Burenbevölkerung der Kapkolonie, die im1 Jahre 1833 nach Norden abzog. Vielleicht habe man sogar die großen europäischen Emigrationen über den Atlantik „There was a young lady of Niger ho went for a ride on a tiger. They retumed from the ride Witn the lady inside And a smile on the face of the tiger.“ zur gleichen Kategorie zu rechnen. Je Weniger festgewurzelt und bodenständig eine Bevölkerung sei, um SO leichter würde sie wandern. Das träfe für niemanden mehr zu als für den halbnomadischen Fellachen. Dieser habe in Palästina nichts geschaffen, was jhn mit dem dortigen Boden verknüpfe, und er würde mit seinem primitiven Pflug gerade so gern die Scholle seines eigenen neuen und unendlich großen arabischen Reiches bearbeiten, wo er Herr im eigenen Hause wäre, und mit den Bürgern des neuen Judaea in brüderlicher Freundschaft leben könne. SOZIALES. Soziale Fürsorge. Sozialismus ist jetzt Trumpf. Staat und Volk drängen nach sozialem Ausgleich, sozialer Verfassung, sozialem Denken. Das Problem der sozialen Arbeit in der jüdischen Gemeinde bespricht ein Artikel in dem Kölner „Israelitischen Gemeindeblatt“ vom 20. 12. 1918, den ein Satz trefflich illustriert: „Die jüdische Volksgemeinde, die immer alle Seiten des meinschlichen und des jüdischen Lebens in gleicher Weise umfaßt hatte, wurde auf die Wahrung nicht einmal aller religiösen, sondern fast nur auf synagogale Interessen beschränkt.“ Es soll und es kann anders werden. Wenn die jüdische Gemeinde ihre Aufgaben nicht erfaßt, dürften bei der kommenden Trennung von Kirche und Staat unangenehme Folgen unausbleiblich sein. Viele Juden haben längst instinktiv gefühlt, daß ein Judentum ohne soziale Arbeit ein Unding ist. Aber da die starke Mitwirkung der Gemeinden fehlte, blieb die soziale Arbeit im Programmatischen stecken oder gedieh nur zu Detailaktioneni. Immerhin wertvoll, war der vor Jahresfrist erfolgte Zusammenschluß der größeren Verbände zur jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, die sich folgende Arbeitsgebiete vorsah: 1. Armenpflege, 4. Hygiene, 2. Berufsberatung, 5. Wohnungsfrage, 3. Arbeitsnachweis. 6. Bevölke rung sproblem. Die Abteilung für Berufsberatung hatte bereits im Oktober 1918 eine Konferenz der Beratungsstellen Beuthen, Berlin, Breslau, Cassel', Chemnitz, Danzig, Dresden, Frankfurt, Görlitz, Hamburg, Herford;, Liegnitz, Königsberg, München, Posen, Stettin. Man sieht: der Wille zur sozialen Arbeit regt sich. Ein prächtiges Wort des tatkräftigen Vorsitzenden, Gewerberates Plotke-Berlim, darf nicht vergessen werden: „Die Berufsberatung stellt den Versuch dar, jüdische Menschenökomomie zu treiben.“ Wenn aber beispielsweise Direktor Alexander-Peine und Geheimer Bau rat Frankel-Berlin die Berufsumschichfung und Ueberleitung in die Gärtnerei und Landwirtschaft anstreben, dann müßten doch die maßgebenden Stellen sich darüber klar werden, daß mit den. heutigen Methoden und Mitteln keinerlei Volkspolitik getrieben werden kann. (Ueber die Vorgänge bei der Konferenz siehe das Novemberheft von „Im Deutschen Reich“). Die Frauentätigkeit ist gleichfalls programmatisch gut erfaßt. Der Bericht der Groß-Logen für Deutschland der U. O. Bt. B. vom Mai 1918 kennzeichnete folgende Gebiete: r Mildhküchen, Kriegsküchen, Suppenanstalten, Nähkurse, Kindergärten und Horte, Schulkurse, Mütterberatungskurse und Säuglingsfürsorge, Lesehallen, Gärtnerei, Gartenarbeit und Gartenbau.