Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- Seite 15-16 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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15 VOLK UND LAND 16 zeitweiligen Zuschuß durch künstliche Bewässerung. Hierher gehören eine Anzahl von Kulturen, die für die palästinensische Landwirtschaft von großer Bedeutung sind: dje Südfrüchte (Zitronen, Orangen, Bananen u. a.), die meisten Gemüse, die nicht nur den Hauptbedarf der einheimischen Ernährung dekken, sondern auch als die erst erscheinenden .Frühgemüse (Primeurs) den Markt Europas beschicken könnten, Futterpflanzen, deren Kultur erst die Grundlage für die noch sehr im Argen liegende Viehzucht abgeben würde, schließlich Handelsgewächse, wie Baumwolle, Hanf, Zuckerrohr, deren Anbau überaus wichtige Industrien schaffen könnte. Es sind dies alles Pflanzen, die eine intensive Kultur erfordern, die einer großen Bevölkerungszahl bei dichter Besiedlung Beschäftigung gibt. Aber auch andere Gewächse würden durch zeitweilige Bewässerung erheblich größere, oft sogar doppelte Ernten erreichen, und vor den so verhängnisvollen Miß- und Fehlernten bewahrt bleiben. Woher sollen nun die zur künstlichen Bewässerung erforderlichen Wassermengen genommen werden, . da das Land, mit Ausnahme des durch die Schneeschmelzie des Hermon auch im Sommer gespeisten Jordan, durchwegs auf seine eigenen Wasserläufe und die sie versorgenden Niederschläge angewiesen ist? Entgegen der allgemeinen Annahme sind diese durchaus nicht unbedeutend. Ehe mittlere jährliche Regenhöhe nimmt im Küstengebiet von Süden nach Norden zu, und zwar von 420 mm (Gaza) bis zu 610 mm (Haifa), im Gebirgsland steigt sie noch darüber hinaus und erreicht in Jerusalem 660 mm (dagegen weist etwa Berlin nicht mehr als 600 mm auf). Im Jordantal sinkt die Ziffer zwar wieder herab (Tiberias 440, Jericho 200 mm), jedoch bietet hier das Flußwasser einen Ausgleich. Das Uebel liegt somit nicht in der zu geringen Größe der Niederschläge, die obendrein in dem reichlichen Taufall noch eine wertvolle Ergänzung finden, sondern in ihrer ungleichen Verteilung. Die Rfegenfälle sind auf wenige Wintermcwiate zusammengedrängt, während sie von Mitte April bis Ende Okber vollständig ausbleiben. Einem Zuviel auf der einen Seite steht ein Zuwenig auf der anderen gegenüber, beide in ihrem Uebermaß von gleich schädlicher Wirkung. Der Abfluß der heftigen Regengüsse des Winters stürzt mit großer Geschwindigkeit auf den Hängen des Gebirgslandes abwärts, spült, in seinem Lauf nicht gehemmt, von der Oberfläche die Humusschicht herunter und legt den kahlen, sterilen Felsboden zutage, eine Hauptursache für den Rückgang der einstigen Fruchtbarkeit der kunstvoll terrassierten Gebirgshänge. Die mitgerissenen Gesteintrümmer kommen in dien Flußbetten zu ungeregelter Ablagerung und führen deren Verwilderung herbei. Die rasch an schwellenden Hochwässer reißen die Ufer ab, überschwemmen das anliegende Gelände und zerstören in ihrem zügellosen Lauf alles von Menschen Geschaffene. Im Unterlauf der Flüsse ändert sich das.Bild. Das schwache Gefälle in der Küstenebene verlangsamt die Geschwindigkeit des Wassers und bringt auch die feineren Sinkstoffe zur Ablagerung, die durch Barrenbildung eine Stauung des Wassers und Versumpfung zur Folge hat. Auch oberhalb des Hule-Sees hat der Jordan Sümpfe gebildet. Dagegen sind im Sommer die meisten Flußläufe ganz .ausgetrocknet, und das Kulturland verschmachtet unter dem Mangel an Wasser. Um diesen zwiefachen Fluch in Segen zu verwandeln, muß die Kunst des Menschen in Wirksamkeit treten und für eine ausgleichende Verteilung der. Wasservorräte Sorge tragen. Die Lösung dieser Aufgabe ist nichts Neues. Seit unvordenklichen Zeiten beruhte der einstige Hochstand der Kultur des Orients auf dem regulierenden Eingreifen des Menschen in den Wasserhaushalt der Natur. Um wieviel mehr bietet die fortgeschrittene Entwicklung der modernen Kulturtechnik Mittel, um die Natur dienstbar zu machen. Die Niederschlagwässer müssen von dem Zeitpunkt an, wo sie auf den Erdboden gelangen, in ihrem Ablauf geleitet und gebändigt werden. Wo sie an den Gebirgshängen zerstörend wirken können, werden sie durch Abfanggraben und Rückhaltanlagen gehemmt und mit verringerter Geschwindigkeit den Wasserläufen zugeführt. Das Verschwinden des Wassers in Klüften des Kalkgebirges ist zu verhüten. Die Flußläufe, die das Wasser auf seinem weiteren Wege aufnehmen, werden durch geeignete Maßnahmen reguliert, die sich im Oberlauf (Verbauung der Wildbäche) wesentlich anders gestalten als im Mittel- und Unterlauf (Uferdeckungen, Einbauten. Durchstiche, Verlandungen usw.). Hierdurch wird dem Wasser ein glatter, ungehemmter Abfluß gegeben und seiner zerstörenden Wirkung vorgebeugt. Ueberschwemmungsgebiete werden durch Deichanlagen gegen die Hochwässer geschützt. Die Regulierungsarbeiten haben ausschließlich landwirtschaftlichen Interessen zu dienen und nicht auch die Forderungen der Schiffahrt zu berücksichtigen, für welche die palästinensischen Flüsse sich wegen ihres starken Gefälles und meist nur kurzen Laufes ohnehin nicht eignen. Hierdurch wird die sehr häufige, störende Kollision zwischen diesen beiden widerstreitenden Interessen jmsgeschaltet. Durch die Flußregulierungen, sowie durch Entwässerungs- und Drainageanlagen werden auch die Sumpfbildungen verschwinden. Weite Landstrecken werden hierdurch der Kultur gewonnen und die gesundheitsfeindlichen Wirkungen der Sümpfe beseitigt. Gegenüber den angeführten Maßnahmen zur Bekämpfung der kulturwidrigen Erscheinungen, die durch das Uebermaß der winterlichen Abflüsse hervorgerufen werden, ist weit höhere Bedeutung jenen Anlagen zuzuschreiben, die bestimmt sind, die sommerliche Wassernot zu beheben. Der Wasserüberschuß der Regenzeit soll nicht nur ohne gefährdende Wirkung fortgeleitet, sondern nach Möglichkeit zurückgehalten werden, um im Sommer zur Verfügung zu stehen. Hierzu dienen künstliche Sammelanlagen: in kleineren Wasserläufen Teiche, die durch Eradämme angestaut werden, in größeren Sammelbecken mit massiven Sperrmauern (Talsperren). Die Gestaltung der Gebirgstäler und der vorherrschende Felsgrund begünstigen die Herstellung solcher Anlagen. Der Nachteil der lebhaften Verdunstung während des Sommers ist dadurch einzuschränken, daß man den Becken eine möglichst große Tiefe gibt. Diese Sammelanlagen vermögen, auch in den nicht perennierenden Wassertälufen, die in der Ueberzahl sind, einen Teil der Niederschlagwasser aufzuspeichern und in der Zeit des Bedarfs zur Verfügung zu stellen. Sie haben in erster Linie der Landwirtschaft zugute zu kommen, indem sie den Pflanzen das ihnen zuträgliche Wasseroptimum verschaffen. Sie werden weite, jetzt vollständig verödete Landstrecken wieder kulturfähig machen und Palästina seine alte Fruchtbarkeit wiedergeben. Dias Wasser wird aus den Sammelan tagen oder bei wasserreichen Flüssen direkt aus dem Bette in Speisegräben abgezweigt, die an den Hängen entlang geführt werden, und durch ein Netz von Verteilungsgräben den tiefer liegenden Talstrecken zugeleitet. Unter Umständen, namentlich in der Küstenebene, muß das Wasser künstlich gehoben werden, um es auch höher liegenden Gebieten zukommen zu