Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- Seite 13-14 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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13 VOLK UND LAND 14 Der werktätigproduzierende Stand, die jüdische Arbeiterschaft, ist sich ihres bedeutenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und nationalen Wertes ganz und voll bewußt, verzichtet aus sozialem Klassenbewußtsein auf jegliche Bevormundung und erwartet alles von seiner eignen Kraft und seiner eignen sozialen Macht. Auch im jüdischen Gemeinwesen kann und wird es nicht ohne soziale Kämpfe abgehen, und es muß damit gerechnet werden, daß auch hier wie in anderen völkischen Gemeinwesen die Interessen der verschiedenen sozialen Klassen hart an hart stoßen werden. Verfehlt wäre es zu denken, zu hoffen, es könnte mit der Auferstehung des jüdischen Nationalstaats auch das Reich der sozialen Gerechtigkeit erstehen. Das jüdische Palästina kann sich aus Gründen der Entwicklung, der Selbsterhaltung nicht aus dem Rahmen der herrschenden sozialen und wirtschaftlichen Struktur anderer Völ- Äer erheben und darf auf keinen Fall das schwierige Problem völkischer Auferstehung mit dem noch schwierigeren Problem der Lösung der sozialen Frage verkoppeln. Aus Gründen eines natürlichen Rechtsbewußtseins, aus dem im Judentum herrschenden Gefühl des Mitempfindens für die sozial Schwachen^ und um die größten Härten im Kampfe der sozialen Gegensätze zu vermeiden, ist es ratsam und nötig, bei der Schaffung des jüdischen Gemeinwesens ein hohes Maß von sozialer Gerechtigkeit gelten und walten zu lassen. Wir nähern uns der Idee der sozialen Gerechtigkeit, wenn wir beherzigen und durch gesellschaftliche Einrichtungen es bewerkstelligen, daß möglichst jedem Arbeiter, u. z. im weitesten Sinne des Wortes, der Ertrag aus seinem Schaffen und seiner Leistung zu Eigen wird. Der wirtschaftlichen Ausbeutung kann und muß von vornhinein durch entsprechende Fundierung des Gemeinwesens ein Riegel vorgeschoben werden. Um es auf das Gebiet der landwirtschaftlichen 'Arbeiterfrage konkret auszudrücken, sei hervorgehoben, daß durch Festsetzung von Mindestlöhnen, durch Begrenzung der Tagesarbeits-Dauer, durch Regulierung der Wohnungsfrage, durch Kranken- Invaliden- und Altersversichernug der wirtschaftlichen Nolt die schärften Spitzen genommen sind. Dabei muß vorwiegend die Sozialpolitik darauf gerichtet sein, es jedem tüchtigen und arbeitsfreudigen Proletarier nach Jahr und Tag der Arbeitend des Schaffens zu ermöglichen, aut eigene Scholle und eigenen Hof zu kommen. Dieses ist durch Begründung von Arbeiterproduktiv-Genossenschaften, durch Bereitstellen Von Rentengütern, Bildung und Förderung von Produktiv- und Konsumgenossenschaften aller Art und durch Organisation von Agrarkreditinstitutionen zu bewirken und zu fördern. Vor allem muß aus Mitteln der Allgemeinheit für Zwecke der Arbeiteransiedlung rechtzeitig genügend Grund und Boden angekauft und zur Besiedlung vorbereitet werden. Zur Ausiedlung aus Mitteln der Allgemeinheit dürfen aber nur Arbeiter ausgewählt werden, bei denen Gewähr gegeben ist, daß sie durch Berufskenntnis und Fleiß sich und ihre Landstelle vorwärts bringen können. Durch den Willen zur sozialen Gerechtigkeit lasse man sich nicht dazu verleiten, alles was sich „Arbeiter“ nennt, auf Kosten des Jischub zu erhalten und womöglich anzusiedeln, denn so wird der Ausbeutung aller andern Stände durch die wirtschaftlich „Schwachen“ Vorschub geleistet, dem Siedlungswerk von vornhinein die Aussicht auf Erfolg genommen, und somit dem ganzen, großen, nationalen Ideal ein Unentrinnbares Fiasko vorbereitet. Sozial sein, heißt gerecht sein, deshalb: „Jedem das Seine“. Die hier kurz gestreiften Probleme stehen zur Erwägung und müssen rechtzeitig von den Führern d^s Zionismus zu konkreten, bestimmten Vorsätzen für die Kolonisation in Palästina führen. Ein fester Plan will und muß rechtzeitig gefaßt sein, damit die gewählten Mittel auch zu einem hohen Zweck führen können. Es ist jetzt an der Zeit zu prüfen und sich Klarheit zu schaffen, dann muß die sichere, zielbewußte Tat mit Frische und Energie einsetzers. DIE TECHNISCHEN AUFGABEN PALAESTINAS. Von Dipl.-Ing. M. H eck e r. ln welchen Formen auch immer unser zukünftiges Gemeinwesen in Palästina efötehen mag, eines der Hauptfundamente seines Aufbaues wird die Lösung großer technischer Aufgaben sein. Wie die meisten Länder, die den halbtrockenen klimatischen Charakter aufweisen und in ihrem Kulturniveau noch rückständig sind oder durch Verwilderung eine rückläufige Entwicklung genommen haben, krankt auch Palästina an drei Grundübeln: an ungeregelter Wasserwirtschaft, Schwerfälligkeit des Verkehrs und Bevölkerungsarmut. Daß zwei von diesen Mängeln zu ihrer Beseitigung vornehmlich technische Maßnahmen erfordern, beweist besser als langatmige Auseinandersetzungen die Bedeutung der Technik für unser Land. „Routes et Eaux“ — in diesen beiden Worten gipfelte der Inhalt des Arbeitsprogramms*), das im ersten Frühlingstrieb jungtürkiscner Herrschaft durch die neue Regierung für das ganze türkische Reich aufgestellt worden ist; sie können im Besonderen auch als Devise für Palästina gelten. An diese beiden Hauptaufgaben, Verbesserung der Verkehrswege und Ausnützung der Wasservorräte, schließen sich noch weitere an, die für die Wohl- *) Programme du Ministe re des Travaux Publics. Komsfantinopel 1908. 6, 7. fahrt der Bevölkerung und Hebung ihrer Lebensführung von maßgebender Bedeutung sind. Einen Ueberblick über diese mannigfaltigen Aufgaben der Technik zu geben, ist die Absicht der nachfolgenden Ausführungen. Sie erheben nur den Anspruch, als Skizze zu gelten, die sich mit Rücksicht auf den Charakter dieser Zeitschrift von fachmännischer Detaillierung ebenso fernhalten muß, wie von programmatischer Vollständigkeit, welche die ganz unzulänglichen Vorarbeiten vorläufig noch durchaus verbieten. Der Vorrang gebührt den Arbeiten des Wasserbaus. Es besteht Einstimmigkeit, daß die Landwirtschaft das Fundament der Wirtschaft in unserem künftigen Gemeinwesen bilden muß. Für sie ist das Wasser das lebenspendende, nährende Element. Alle Kulturpflanzen haben zur Erlangung eines Höchstertrages einen bestimmten Wasserbedarf, der für jede Pflanzenart, und für sie auch wieder in den einzelnen Vegetationstadien wechselnd, eine gewisse günstigste Größe (spezifisches Optimum) besitzt. Dieses wird manchen Pflanzen, wenigstens in normalen Jahren, schon durch die atmosphärischen Niederschläge geliefert, andere, und zwar die hochwertigsten, beanspruchen einen