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Volk und Land · 1919-01-02 · Heft 1 (2.1.1919) · p. Seite 11-12

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 1 (2.1.1919)
Date
1919-01-02
Page
Seite 11-12 (sequence 8)
Language
German
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11 VOLK UND LAND 12 tem, festen Grund einer berufstätigen und ökonomisch gesicherten ländlichen Bevölkerung fundiert, ein ebenbürtiges Glied in der großen Familie der Kulturvölker zu werden berufen ist. Mit der Aechtung der landwirtschaftlichen Unternehmer, wie es leider zum Schaden der Kolonisation in Palästina bis zum Ausbruch des Krieges der Fall war, muß aufgeräumt werden. Es ist ein Verkennen der geltenden wirtschaftlichen Zusammenhänge und ein Mißbrauch aller aufrichtigen, sozialen Fürsorge, wenn durch einseitiges Hervorkehren der nur negativen Seiten des landwirtschaftlichen Unternehmertums über dasselbe der Stab gebrochen wird. Nicht dem landwirtschaftlichen Großbetrieb als solchem haften die sozialschädlichen Mängel an, sondern lediglich im Ueberwiegen, im Vorherrschen des Großgrundbesitzes, im Verhältnis zu vorhandenen Groß-, Mittel- und Kleinbauernbetrieben innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsgesellschaft liegt das Uebel. Die landwirtschaftliche Großwirtschaft als Betriebsart stellt z. B. unter veränderter Rechtsform des Besitzes als landwirtschaftliche Arbeiter-Produktivgenossenschaft die sozial gerechteste Form der Bodennutzung dar, und der landwirtschaftliche Großbetrieb ist unter jeder Rechtsform des Besitzes Träger und Förderer des technischen Fortschrittes in der landwirtschaftlichen Nutzung von Grund und Boden. Wäre es praktisch durchführbar, das jüdische Palästina nur mit Mittel- und Kleinbauern zu besiedeln. so könnte damit allerdings die sozial verderbenbringende Bodensperre mit der ihr anhaftenden Grundrente (bis auf bedeutungslose Splitter) und verabscheuungswürdigen Bodenspekulation beseitigt werden. Dieses 'Ideal einer gerechten, vernünftigen und zweckmäßigen Agrarpolitik dürfte aber mit Rücksicht auf die hierfür aufzuwendenden Kapitalien aus Mitteln. der Allgemeinheit und vor allem auch mit Rücksicht darauf, daß uns zurzeit ein genügend tüchtiger und der Zahl nach genügend großer Bauernstand fehlt, vorläufig nicht verwirklicht werden können. Bringt der Jüdische National- Fonds nur einen großen Teil der palästinensischen Ländereien in seinen Besitz und schafft so die Möglichkeit, auch unbemittelte, tüchtige Landwirte anzusiedeln, daun ist in der Richtung der Verteilung von Grund und Boden ein hohes Maß sozialer Gerechtigkeit erreicht und den größten Schäden einer falschen Agrarverfassung vorgebeugt. Der ferieu Initiative, dem privaten, ungebundenen Kapital und echten, rechten Unternehmergeist aber muß freie Bahn geschaffen werden u. z. aus Gründen des allgemeinen und technischen Fortschrittes aus der Tatsache heraus, daß wir uns in Palästina nicht außer dem Rahtmen aller geltenden Wirtschaftsnormen anderer nationaler Gemeinwesen absolut und radikal erheben können, und vor allem auch, um Arbeit suchenden Händen und Köpfen Verdienstmöglichkeit zu geben, und um genügend notwendige Lehrstätten für unsere Landarbeiter zu haben. Den Grundstock der ländlichen Bevölkerung im jüdischen Palästina muß allerdings das Bauerntum bilden, denn nur ein tüchtiger, sChollenfester Bauernstand vermag uns zu regenerieren, uns dem Geist erhebenden luind Körper stählenden Schaffen und Wirken in Gottes freier Natur wieder zuzüführen und uns zu wirklichen Besitzern des geschichtlich volkseignen Grund und Bodens zu machen. Es kann wonl ein Land durch politische Mittel einem Volk zurückgegeben werden, niemals aber durch ebensolche Mittel im Besitz erhalten bleiben. Ein völkisches Eigentum auf ein Land ist erst für die Dauer gewährleistet, wenn ein genügend starker und ausreichend großer Bauernstand den volkseignen Boden bearbeitet und so die Wurzeln der eigenen Volksgemeinschaft im heimatlichen Boden Fuß fassen und dauernden Halt finden. Diese Feststellung in ihrer ganzen Konsequenz gewürdigt, legt der jüdischen Allgemeinheit die wichtige vornehmste Pflicht auf, einen Teil unserer männlichen Und weiblichen Jugend, die sich hierfür körperlich und; geistig am besten eignet, der Landwirtschaft zuzutuhren, sie im Erwerben des landwirtschaftlichen Könnens und Wissens zu fördern und für sie in Palästina durch zweckmäßige Grundlegung und Vorarbeit eine Siedlungsmöglichkeit zu schaffen, die ein wirtschaftliches Existieren und Fortkommen mit größter Wahrscheinlichkeit gewährleistet. Aber man bedenke und beherzige, daß es sich diesmal nicht um soziale Fürsorge für Einzelpersonen handelt, daß nicht Glaubensgenossen wirtschaftlich geholfen werden soll, daß es überhaupt auf keine Personal-Wohlfahrt ankommt und verfalle nicht wieder auf das Rückgratbrechende und Charakter-schädigende System nationaler Philantropie. Was not tut, ist, in großzügiger. .zweckentsprechender Weise ein nationales Erziehungswerk zu bewirken und durchzuführen und eine Grundlage für eine völkische Kolonisation zu schaffen. Es sind Bauern und Bäuerinnen heranzubilden. Es ist zu bewirken, daß ansiedlungsfähiger Grund und Boden für berufstüchtige Landleute zur Verfügung steht, und daß die Ansiedler — durch entsprechende Mitte] gestützt — vorwärts kommen. Man unterlasse aber ebenso jegliche Bevormundung wie jede rein .gefühlsmäßige Unterstützung und stelle sich auf den allein nüchternen Standpunkt, daß im Fortkommen der ökonomischen Person letzten Endes eigene materielle Kraft, berufliche Tüchtigkeit und wirtschaftliche Tugenden ausschlaggebend zu sein haben und sein müssen. Auch in der Auffassung und der Durchführung des Arbeiterproblems bei der Kolonisation in Palästina muß eine Aenderung eintreten. Der Arbeiter ist wie überall auch in Palästina eine Notwendigkeit, und wie überall in der Welt ist auch der jüdische Agrararbeiter in Palästina „Arbeiter“, nicht weil er es sein will, sondern weil er es aius Gründen individueller und allgemeiner Verumständung sein muß. Ausnahmen können diese Tatsache nicht erschüttern. Hat jemand aus Motiven nationalen Jdeals auf sich die Rolle des Arbeiters genommen, so besteht sein Opfer eben darin, daß er sich in das soziale und wirtschaftliche Los1 eines Proletariers fügt, ebenso wie der Freiwillige, der sich in die Marschkolonne einer kämpfenden Truppe einreihen läßt. Extra-Belohniungen kommen ebensowenig für den ersten wie für den letzten in Frage. Die Annahme, daß wir Juden über keine regulären Arbeiter verfügen werden und nur auf „Arbeiter-Idealisten“ angewiesen sind, ist ein Irrtum, der einerseits auf Ueberschätzung der eigenen Rasse, andererseits auf Unkenntnis des Ostjudentums beruht. Es gibt Tausende von Juden, die auf Grund ihres Intellekts und ihrer allgemeinen Entwicklung nichts anderes sein können als „Arbeiter“, iund es sind tatsächlich Tausende von Juden im Osten und in Amerika Schwer- und Schwerstarbeiter im vollsten Sinne des Wortes. Man schaffe in Palästina Arbeit»- und Verdienstmöglichkeiten und ein Strom von Arbeitern wird das kleine Land überfluten. Arbeiter sein ist weder eine Schande noch ein Unglück. Dieses muß im Hinblick auf eine bei manchen Juden herrschende Anschauung hervorgehoben werden, und wohl am energischsten wird sich gegen eine solche Auffassung die größte Gruppe der jüdischen Gemeinschaft, die jüdische Arbeiterschaft, verwahren.

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