Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 413 (sequence 418)
- Language
- German
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die Zwanziger- und Dreißiger jähre des 19. Jahrhunderts eine Zeit lebhafter kultureller Gärung in der böhmischen Judenheit bedeuten, in welcher die aus dem Auslande eindringenden und daheim von einigen hervorragenden und energischen Reformisten unterstützten Reformbemühungen trotz allem energischen Widerspruch von Seiten der orthodoxen Schichten, namentlich aus Rabbinerkreisen, bei den vermögenderen Juden sympathischen Widerhall fanden. Das wachsende Bildungsniveau der Prager Judenschaft und ihre im Ganzen nicht ungünstige wirtschaftliche Lage erweckten namentlich bei der jüdischen Intelligenz immer lebhafter und intensiver das Streben, sich allmählich der restlichen Beschränkungen in der rechtlichen Lage der böhmischen Judenschaft zu entledigen und sie auf die Rechtsstufe vollberechtigter, in allem der christlichen Bevölkerung gleichwertiger Staatsbürger zu erheben. Wir haben bereits an anderen Stellen in diesem Jahrbuche in einer Reihe von Studien die Entwicklung dieser Emanzipationsbestrebungen der böhmischen Judenschaft in jener interessanten Zeitperiode eingehender dargelegt und an der Hand von Originalquellen gezeigt, auf was für Hindernisse diese Reformbemühungen namentlich in den konservativen Kreisen der Prager Oberjuristen und Rabbiner stießen; die Genannten waren in diesem natürlichen Entwicklungsprozeß hartnäckige Verteidiger der Unantastbarkeit der alten Religion, ihrer / ^remonien und Gebräuche gegen die liberalistische Neuerungssucht, in ter sie eine Bedrohung der Grundlagen der jüdischen Religion selbst ' ad damit der bisherigen isolierten Eigenart der jüdischen Nation erblickten. Es wird jedoch auch hier nicht überflüssig sein, wenigstens an zwei Beispielen zu zeigen, wie tief bereits in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts die Emanzipationsbestrebungen nicht nur in den Kreisen der intelligenteren jüdischen vermögenderen Kaufmannschaft, sondern auch bei der studierenden jüdischen Jugend Wurzel gefaßt hatten. Am 25. März 1832 überreichte der vermögende Prager jüdische Kaufmann Jakob Dormitzer, wahrscheinlich unter dem Einflüsse einer Aufforderung in der Prager Zeitung vom 1. März des gleichen Jahres, von dem noch wTeiter die Rede sein wird, dem Prager Gubernialpräsidium ein Memorandum, das sich für die Durchführung notwendiger Verbesserungen der jüdischen Sitten und Gebräuche einsetzte und nicht einmal vor dem für jene Zeit revolutionären Vorschlag zurückschreckte, den jüdischen Sabbatfeiertag auf den Sonntag zu verlegen, um auch darin die Juden der christlichen Bevölkerung zu assimilieren. Alle besseren Juden — so führte Dormitzer aus — sähen ein, daß es notwendig sei, aus den jüdischen Sitten alles zu entfernen, was der heutigen Zeit nicht angemessen ist und seinen Ursprung in Zeiten langer Verfolgungen und 3 413