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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1938-01-01 · 9 (1938) · p. Seite 406

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
9 (1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 406 (sequence 411)
Language
German
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sie Proseliten, in Kollin, in Gitschin, wo ein Bruder des Jonas Beer Wehle wohnhaft ist und welcher dort lehret, sind ebenfalls sehr viele zu treffen. Nun erlauben Euer Hochgräfl. Gnaden zu erinnern, daß geschwinder Überfall bei dem Jonas Beer Wehle so wie ich glaube der einzige Fall ist, die Schriften habhaft zu werden. Verflossenen Freitag sind die zwei Reisende zurückgekommen und sind bei dem Jonas Beer Wehle abgestiegen. Man vermuthet, sie haben verschiedene Schriften mitgebracht. Überhaupt muß man dort all ihre Geheimnisse finden. Auch gehen alle Woche von hier nach Kollin mit denen jüdischen Fuhrleuten die Menschen und Waren alle Woche von daher nach Prag und von Prag nach Kollin führen ein verwahrtes wohlverschlossenes Kästchen mit, welches die hiesige Gesellschaft an einen gewissen Lichtenberg senden. Daß diese meine Erzählung alles wahr ist, können Euer Hochgräfl. Gnaden, aber mit der größten Behutsamkeit, daß diese Gesellschaft keinen Wind bekommt, durch Ihren Leuten in der ganzen Judenstadt erfahren, weil sie das allgemeine Gespräch ist. Besonders aber müssen es die Oberjuristen bezeigen. Selbst die Vorsteher können es nicht änderst sagen, nämlich daß die geheime Gesellschaft bestehet, daß sie verdächtige Reisen machen, daß man vermutet, sie stehen mit der Offenbaehischer Gesellschaft in Verbindung, weiter aber werden sie freilich nichts sagen können, denn hier liegt nur Wahrscheinlichkeit zum Grunde und nur das Späherauge eines oder einzelner Menschen nicht entgehet. Woher sollen es Oberjuristen und unwissende Vorsteher wissen? Von dem besagten Simon Eger sind viele Geheimnisse zu schöpfen, er weiß sehr viel, weil derselbe ein Schwager von den Jonas Beer Wehle ist und durch sein Weib, ehe er sich trennte, viel erfahren hat. Ebenso lamentieret eine Wittib namens Malka Porges. Sie haben ihr ihren hoffnungsvollen Sohne verführet, der ebenfalls eine Schwester des Jonas Wehle zum Weibe hat. Eine Tochter des Med. Doct. Jonas Jeiteles, die mit einem gewissen Jonathan Bondy verheirathet ist, kann auch manches bezeugen, weil sie ihren Mann zu verstricken wüsten. Das Eheweib des Emanuel Herz Bondy wird auch vieles aussagen können. Unzählige dergleichen mehrere. Sem Simon Neustadtl, bei dem der Jonas Beer Wehle wohnet, muß ihre stättige Zusammenkünfte bestätigen. Samuel Bondy, Isak Plohn werden ebenfalls alles dies bestätigen können. Nur Euer Hochwohlgräfl. Gnaden, wenn man diese Untersuchung oder Berufung dieser Leute ehender, als man die Schriften erhascht, veranstaltet, so werden die geheime Gesellschaft zu aufmerksam und werden gewiß alles Verdächtige beseitigen. Wenn Euer Hochgräfl. Gnaden die Gesellschaft selbst aufhöben wollen, so sind sie am besten am Samstag Nachmitag bei dem Jonas Beer Wehle so gegen 4 Uhr und etwas später beisammen zu treffen. Die Namen der mir Wissenden folgt auch hiebei. Es wäre auch gut, wenn man den Veit Lichtenberg in Kollin unversehens überfiele und die Schriften habhaft werde. Euer Hochgräfl. Gnaden verzeihen allergnädigst, daß ich Ihrem allumfassenden Geiste vorgreife und Vorschläge mache. Es ist freilich sehr ungeziemende Kühnheit von mich, allein ich baue auf allbekannte Güte und Großmuth. Wer kann einen Graf Wratislaw nicht? Wer kann Ihn sehen, Ihn hören und nicht bewundern? Nur Sie, großer seltner Mann! Nur Sie, unerreichbarer Denker! konnten mich aus meiner Eingezogenheit hinaustreiben, meinem Munde Beredsamkeit geben. An einen solchen Geist wie Sie redet man gar zu gerne. Wer spricht gerne mit die gar zu kalten Klügler, die jede Sache erst auf der Goldwage legen und so lange prüfen und probiren, bis der Fuchs aus der Falle sich schleicht, bis die Zeit verstrichen und nichts mehr zu wirken seie, der Schurke, der heillose Betrüger Zeit gewinnt, ihnen eine Nase zu drehen, und dann in sein Fäustchen lacht, die alles mit Beilagen und iuridischen Schlendrian bewiesen haben wollen, selbst nach diese Beweise greifen können und sie entschlüpfen lassen. Nein, großer edler Mann! Dieß alles verlangen Sie nicht, dieß alles brauchen Sie nicht, einen Wink und Sie greifen, Sie sehen, Sie fassen und finden. Längst bewunderte ich Sie, Gnädigster! Im stillen dachte (ich): Nur so ein Mann am Ruder, der die Gerechtigkeit nicht liebt, weil man sie lieben muß, sondern weil man sie lieben soll, der nicht die Heerstraße wandelt 406 64

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