Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 404 (sequence 409)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2644300-2644309--4211-2648560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die wahre Entschuldigung dieser gegenwärtigen Zudringlichkeit. Nur Sie, großer Staatsmann! vermögen zu fassen, zu sehen und auszuführen, nur Ihr Aug vermag zu sehen. Nur Ihr allfassender Geist kann entscheiden. Erlauben also Euer Hochgräfl. Gnaden folgende Geschichte Ihnen vorzutragen, mit meinen Muthmaßungen zu belegen und sodann meine Meinungen demüthigst vorzutragen. Längst wühlte unter der hiesigen israelitischen Gemeinde, wozu auch ich gehöre, eine besondere Religions-Secte, Anhänger von der berüchtigten Sabathe Zebe (von welcher Euer Gräfl. Gnaden vielleicht schon aus der Weltgeschichte etwas wissen werden), allein sie trieben ihre Lehren in stillen und zogen sich zurück, musten es auch von darum thun, weil sie die Verfolgungen der Rabiner ausweichen musten, zumTheil selbst das Volk scheueten, und endlich auch dem Staate, der keine neue Sekten duldete, fürchteten. Bios einige Jahre her, wo manches sich geändert, wo den Rabineren ihre Donnerkeile aus Händen gewunden worden, wo das Volk überhaupt in Religionssachen nicht mehr so eifert, und man immer noch sich öfentlich zu der tollerierten Nation hallt und keine neue Sekte förmlich ist, rottete sich diese im Grunde schädliche Sekte freier zusamen, locken durch manche Vorspieglung, Schwärmerei und Religionsmeinungen, durch List und Überredung mehrere Menschen an sich, verursachen dadurch Spalt und Zwist in vielen Familien, entziehen dem Vater seinem guten Sohne, die Mutter ihre folgsame Tochter, dem Bruder seinen Bruder, denn wer einmal in diesem Netze der Schwärmerei gefangen, verstricken sie so sehr, daß man nur für sie fühlt, für sie siehet und an sie hänget. Schon ihre heimliche Zusammentrettungen, ihre mystischen Zeichen, ihre kabalistischen Lehrart führen zu Schwärmerei, Aberglauben, Irrwahn und höchst nachtheiligen Müßiggang. In wie weit dieses alles schädlich ist, die Sitten verdirbt und Imoralität befördert, ist durch Erfahrungen hinlänglich schon erprobt und leider zeigt die Erfahrung zu augenscheinlich, wie jede geheime Gesellschaft, jeder Klub, so unbedeutend man sie auch glaubte, ein Pest des Staats ist. Auch diese Gesellschaft scheint von diesem Verdachte nicht ganz frei zu sein. Um aber dieses in Erwägung zu ziehen, bitte ich, Euer Hochgräfl. Gnaden belieben allergnädigst mir weiter zuzuhören, weil ich sehr von weiten ausholen muß. Noch bei glorreicher Regierung der unvergeßlichen verewigten Kaiserin Maria Theresia wurde in Brünn in Mähren ein gewisser Frank geduldet, der sich zwar öfentlich zur katholischen Religion bekannte, aber nur Anhänger der Zabate Zebeshen Religion war. Dieser Frank machte fürstlichen Aufwand, niemand wußte, woher. Immer kam Geld, niemand (wußte) von wo oder von wem. Die Anhänger dieser Religionssekte gingen in ihrer Schwärmerei so weit, daß sie den benannten Frank nicht nur allein für ihr Oberhaupt, sondern für den vor mehr als 200 Jahren in Machemodanischen Glauben gestorbenen Zabathe Zebe anerkannten oder anzuerkennen vorgaben. Dieser Frank, der in Brünn mehr als^5 Jahre sich aufhielt oder mehr zu sagen residierte — er hielt sich eine eigene Leibgarde — begab sich endlich am Ende seiner Jahre, oline daß ein Mensch die Ursachen beurtheilen konnte, von Brünn weg, und ansiedelte sich in Offenbach bei Frankfurt am Main. Bei Ausbruch der verderblichen französischen Freiheit, wo sich manches auflöste, wo man von manchen abscheulichen Verbündungen und geheimen Gesellschaften erfuhr, glaubte man auch hier zwischen den Frankischen Gesellschaften und mancher französischen Einverständnisz zu finden. Selbst der Name Franc, welchen er sich erst bei seiner Ansiedlung in Mähren beilegte, erregte gewisse Aufmerksamkeit, weil man es als ein Zeichen der Verbündungen ansehen wollte, man glaubte auch dem Grund seiner Übersiedlung hierin zu finden, er wollte nun vielleicht auch den französischen Landen näher sein. Einer seiner starken Anhänger, ein gebohrner Brünner Jude, namens Moses Dobruska, der aber sich vor mehr als 22 Jahren hat taufen lassen und sich öfentlich auch zur christlichen Religion bekannte und den Namen Schönfeld annahm, ging nach dem Tode des besagten Franc nach Offenbach. Es hieß damals, er wird bei seiner hinterlassenen Anhang des Verstorbenen Stelle annehmen, ging aber von da nach Frankreich, nahm dort den Namen Moses Frei an, verheiratete seine Schwester an einen gewissen Kon- 404 62