Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 384 (sequence 389)
- Language
- German
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der alten Richtung waren, zu der sich die Mehrzahl der Rabbiner bekannte. Infolge seiner Verehelichung mit der Tochter des Jonas Wehle, bei dem herzlich-freundschaftlichen Verhältnis zum Schwiegervater und bei den langen religions-philosophischen Gesprächen mit ihm faßte er Sympathien für den Frankismus. Wir können aber nicht mit Bestimmtheit behaupten, daß er ein blinder Bekenner desselben geworden wäre. Und wenn er auch eine Reise nach Offenbach unternahm, so tat er es sicherlich zugleich seinem Schwiegervater zuliebe. Es ist auch bezeichnend, daß sich in seiner ganzen Anklageschrift nicht die leiseste Erwähnung von Sabbatai Zewi und von Frank findet, ebensowenig von deren Anhängern und den Sektierern, und daß er von den Objekten des Hasses der Rabbiner stets in der ersten Person der Mehrzahl spricht (wir, die wir geschmäht werden, usw.). Hier geht es nicht an, den Inhalt der umfangreichen Anzeige Honigs im einzelnen zu analysieren; ihr Zweck war, den Untersuchungskommissär zu unterrichten und ihn auf die besonderen Verhältnisse unter dem Judentum hinzuweisen, auf die tatsächliche Reichweite der rabbinischen Kundgebungen und auf die Folgen ihrer moralischen und materiellen Persekution. Hönig warnte den Kommissär besonders davor, das religiöse Leben der Juden nach christlichen Maßstäben zu beurteilen und die Vorfälle in den Synagogen auf die leichte Achsel zu nehmen. Er sucht nachzuweisen, wie unter der auf ihnen lastenden historischen Verachtung die Juden viel mehr als andere Völker an ihrer Religion festhalten, so daß sie ihnen zum Maßstab bei Beurteilung des Menschenwerts und der Menschenwürde geworden ist. Bei den Juden wird demnach der Einzelmensch nicht nach seinen bürgerlichen Tugenden beurteilt, sondern nach seiner Frömmigkeit und nach der Achtung, die er in der Synagoge genießt. Die Frömmigkeit, der gute Ruf in religiöser Beziehung sind für die Juden das Kriterium für die Qualität eines Menschen. Auf dem Rufe eines Menschen in religiöser Hinsicht beruht seine Autorität in der Gesellschaft und seine Existenz. Sobald man aber von einem Menschen zu sagen beginnt, er sei ein Ketzer, dann ist es mit seiner Achtung aus. Seine Stimme hat in bürgerlichen Angelegenheiten kein Gewicht mehr, alles zieht sich von ihm zurück, er ist vereinsamt, darf nicht unterstützt werden. Ist er ein intellektueller Mensch (zur Beurteilung ist diese Bemerkung sehr bedeutungsvoll) und er schreibt ein Buch, so sucht man darin nur Ketzerei. Ein solches Buch darf man nicht lesen, man muß es verbrennen. Hönig bemerkt, er könne viele solche Fälle anführen. Die Anschuldigung wegen Ketzerei zeitigt für den Betroffenen üble wirtschaftliche Folgen, den Verfall von Handel und Gewerbe, die Unmöglichkeit seine Töchter und Söhne zu verheiraten, 42