Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 376 (sequence 381)
- Language
- German
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Zur Zeit, da die Gassenexzesse, die Verunglimpfungen und die Unruhen in den Synagogen ihren Höhepunkt erreichten, d. h. am 11. Oktober 1800, schickte der Vorsteher der Prager Judengemeinde Michel Jurist den Gemeindediener Herschman David Lowotitz in die Altneuschule, um in seinem Namen der Vorsteherin der Frauenabteilung in dieser Synagoge auszurichten, sie solle die in der Synagoge anwesenden Frauen zur Ruhe mahnen. In der Synagoge herrschte aber unter den Frauen eine unerhörte Erregung, die sich auf den unschuldigen Lowotitz entlud. Zuerst fuhr ihn die Frau des Oberjuristen Landau an, er solle sich aus der Synagoge scheren, sonst werfe sie ihn hinaus. Als er sich auf den Auftrag des Vorstehers berief, begann sie ihn zu ohrfeigen unter der ausgiebigen Beihilfe ihres Gatten, des Oberjuristen Salomon Landau. Lowotitz mußte davonlaufen. Er brachte dann bei den Vorstehern der Judengemeinde eine Klage ein und verlangte Genugtuung.39 Das geschah zu einer Zeit, als die jüdischen Religionstumulte in Prag ihren Höhepunkt erreicht hatten. Damals begnügte man sich nicht mehr damit, die Beschuldigten auf der Gasse anzurufen, sie anzublöken und Böcke, Schöpse u. ä. zu schimpfen, womit die Jugend und die Gassenbuben jeden Beschuldigten auf seinem Gange durch die Gasse traktierten. Das war die übliche Anprangerung, die sich, um mit den Worten Honigs zu sprechen, 265mal im Jahre ereignete. Einmal begegnete Hönig in der Nähe von Wehles Haus einem bärtigen Juden, der ihm nachrief: „Meschumed, wie komst du in mein Gaß hinein, fuj!" Opfer der Unruhen waren besonders Wehles verheiratete Tochter Judith Frankl, ihre Schwester Rebekka Wiener und ihre Mutter, Jonas Wehles Frau. Am 10. Oktober, zu einer Zeit, als diese drei Frauen in der Altneuschule weilten, hetzte gegen sie ein gewisser Jakob Tritsch alle in der Synagoge anwesenden Frauen dermaßen auf (die Judith Frankl nannte er „eine Mörderin, eine Schöpsin, die ihren Schwager vergiftet hat"), daß sich die verunglimpften Frauen nur durch rasche Flucht den Tätlichkeiten der Opfer von Tritschens Beredsamkeit entziehen konnten. Ein andermal wurde Judith Frankl in der Eisengasse von Sara Hok insultiert, Mörderin gescholten und gewarnt, den Markt zu betreten. Judith kehrte sich nicht daran und so erfüllte sich an ihr auf dem Marktplatz die Drohung der Sara Hok und ihrer Mutter Rosel Tritsch; sie schmähten sie neuerdings öffentlich vor einer großen Menge Frauen und bedrohten sie an Leib und Leben. Diese Vorgänge riefen die Aufmerksamkeit der Polizeibehörden wach. Sie begannen sich sofort für den wahren Grund zu interessieren und leiteten eine Untersuchung ein, natürlich nicht ohne vorher verschärfte Sicherheitsmaßnahmen getroffen zu haben. Leider wissen wir nichts über den Anfang der Untersuchung, die stets in den Händen der Polizei 376 34