Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1938-01-01 · 9 (1938) · p. Seite 350

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
9 (1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 350 (sequence 354)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2644300-2644309--4156-2648505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

nicht spurlos vorüberging und in Mähren wohl mehr Anklang fand als in Böhmen, da Mähren im 18. Jahrhundert mehr größere jüdische Kulturzentren (z. B. Kremsier, Holleschau, Proßnitz, Ung.-Brod, Nikolsburg u. a.) aufwies als Böhmen, wo Prag schier das einzige Kulturzentrum des Judentums bildete. Zugunsten des Sabbatianismus hatten in Mähren auch allerhand Propagatoren viel getan, sei es aus der Türkei oder aus Polen, und mochten sie zum Teil unmittelbar in den böhmischen Ländern wirken oder auf die böhmische und mährische Judenschaft durch ihre Anwesenheit in der näheren Nachbarschaft einwirken. Ihre Tätigkeit und ihre Erfolge sind noch nicht gründlich aufgeklärt, ebensowenig sind alle einheimischen und auswärtigen Propagatoren der sabbatianischen und frankistischen Grundsätze in Böhmen und Mähren bekannt. So können wir bloß voraussetzen, daß nach Mähren das Echo der Propagandakundgebungen und Prophezeiungen drang, die im benachbarten Ungarn Mardochai Mochiach streng im Geiste der Lehren Sabbatai Zewis (ca. 1680) verkündete. Von den Propagatoren des Sabbatianismus in Mähren kennen wir einen gewissen Moses Meir Kamenker, aus Zolkiew in Galizien stammend, der im Jahre 1725 in Mähren weilte und auch bis Prag kam.9 Der Hauptzweck seines Aufenthaltes in Mitteleuropa war die Propagierung des Sabbatianismus in Deutschland. Hier holte er sieh aber bei den Juden eine energische Abfuhr. Ähnlich erfolglos soll er auch in den böhmischen Ländern abgeschnitten haben. Für uns ist jedoch wichtig, daß er in Mähren zu Proßnitz mit dem dortigen Führer der jüdisch-mystischen Strömung Löbele Proßnitz zusammengetroffen ist. In Mähren hielt sich auch einige Zeit der leidenschaftliche bosnische Propagator des Sabbatianismus Nehemija Chija Chajon auf (1650-1726), der auf seinen Agitationsreisen durch Mitteleuropa auch in Nikolsburg und in Proßnitz predigte; hier wurde er auch mit Löbele Proßnitz bekannt, damals schon das Haupt der mährischen Sabbatianer, deren Mittelpunkt Proßnitz war, deren Anhänger aber über alle größeren Judengemeinden Mährens verstreut waren. Proßnitz war ein religiöser Scharlatan, der vor falschen Wundern nicht zurückschreckte und der seine eigene Theorie verkündete, Gott habe die Weltherrschaft demjenigen anvertraut, der am besten in die Kabbala eingeweiht sei. Ein solcher Mensch sei der Stellvertreter Gottes auf Erden. Der erste dieser Art war Sabbatai Zewi und nach dessen Tode seine Nachfolger, in welche die Seele Sabbatai Zewis eingegangen; unter sie zählte er auch sich selbst und den bekannten Prager gelehrten Rabbiner Jonathan Eibenschütz (1690-1764), dem man Verkehr und Sympathisierung mit den Sabbatianern zur Last legte. Der Proßnitzer Löbele Proßnitz, der sich zum Messias aufgeworfen hatte, legte so den festen Grund für das mährische Sabbatianertum, später 850 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.