Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 273)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644309--4075-2648424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Als Ernährungsquelle diente den Nachoder Juden hauptsächlich der Handel, der sich jedoch nicht auf Nachod und dessen Umgebung beschränkte; er erstreckte sich auch auf das Ausland, namentlich auf Polen und auf die deutschen Handelszentren Breslau, Nürnberg und Leipzig. Im 16., teilweise auch im 17. Jahrhundert gab es noch einige jüdische Handwerker, wie Glaser, Riemer, Schwertfeger, Fleischer. Auch ein Arzt und Buchdrucker werden erwähnt. Ursprünglich lebten die Juden zerstreut in der Stadt unter den Christen und begannen sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts in einer Gasse an der Stadtmauer zu konzentrieren, der späteren „Judengasse". Außer der Auswanderung anläßlich der teilweise durchgeführten Austreibung der Juden aus Böhmen im Jahre 1542, hatten die Nachoder Juden keine behördlich verfügte Vertreibung zu erleiden. Die verhältnismäßige Gleichstellung der Nachoder Juden in älterer Zeit ist aus der Bezeichnung „soused" (Nachbar) zu erschließen, die bei Erwähnung jedes Juden in den Grundbüchern der Stadt vorangesetzt wrurde. Die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges haben auch die Nachoder Juden stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Juden erwarben zwar im Laufe des Krieges einige leerstehende Bürgerhäuser, ihr Handel aber litt sehr stark. Ihre Anzahl, die 1618 etwa 250 Personen betrug, war nach einer Zählung vom 14. April 1648 auf 133 Personen gesunken.8 1648 besaßen sie zwölf Häuser und sechs jüdische Familien lebten in fünf christlichen Häusern. Die nach Beendigung des Krieges in ganz Böhmen überhandnehmende judenfeindliche Strömung bewirkte auch in Nachod eine Änderung im bisherigen Verhalten der Christen gegen die Juden. Der bekannte Feldherr Fürst Oetavio Piccolomini, dem im Jahre 1634 die Nachoder Herrschaft zufiel, erhöhte den Juden das ihm zu entrichtende Schutzgeld, das bis zum Jahre 1648 jährlich zehn Reichsthaler betragen hatte, auf 100 Gulden. Eine weitere Erhöhung dieses Schutzgeldes erfolgte nach dem Tode des genannten Fürsten im Jahre 1656 durch den Herrschaftsinspektor Sebastian de Lutiäno auf 125 fl. jährlich. Schwerer wog jedoch eine Verordnung des Fürsten, die er im Jahre 1652 gemeinsam mit dem Stadtrat erließ: daß kein Jude mehr außerhalb der „Judengasse" wohnen dürfe. Innerhalb 14 Tagen mußten die Juden die in den übrigen Stadtteilen bewohnten Häuser räumen. Der Besitzstand der Juden betrug nachher insgesamt 16 Häuser. Wieweit es nach dem Kriege den Nachoder Juden erlaubt war, ein Handwerk auszuüben, geht aus einem Gesuche des Jakob Judt an die Herrschaft hervor.9 Er sei jung verheiratet, führt er darin an, hätte das Schneiderhandwerk erlernt und bitte um die Erlaubnis, sein Handwerk ausüben zu dürfen. Er gebe die Versicherung ab, der christlichen Schneiderzeche keinen Eintrag zu tun, sondern ausschließlich für die jüdische 272 2