Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 193)
- Language
- German
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die für unsere Untersuchung am wichtigsten sind: es ist wahr, daß Ferdinand I. (in den Jahren 1557 und 1558) die Juden aus allen Ländern (des böhmischen Reiches) vertreiben wollte,57 aber es ist falsch, daß er dies eidlich gelobt hätte; es ist glaubwürdig, daß die Juden eine Gesandtschaft zu Papst Pius IV. geschickt haben, aber es ist falsch, daß sie den Papst gebeten hätten, den Kaiser seines Eides zu entbinden. Einzelne Angaben in unserer Erzählung lassen keinen Zweifel zu, daß sie in Böhmen entstanden ist.58 Von böhmischen Juden hat sie der Verfasser der Chronik, der sogenannte Corrector, sei es direkt, sei es indirekt erhalten. Da unserer Erzählung noch einige Sätze über die Regierung Maximilians II. angeschlossen sind, ergibt sich, daß sie nach dem Tode dieses Herrschers, also nach 1576 aufgezeichnet worden ist. Sie gehört in die achtziger oder neunziger Jahre des XVI. Jahrhunderts59 und sie zeigt uns, was die böhmischen Juden über die Ausweisung, die einst Ferdinand I. über ihre Väter verhängt hatte, noch in Erinnerung hatten. Sie wußten nicht mehr, aus welchen Gründen die Ausweisung erfolgt war, sie wußten nicht mehr, welche große Bedeutung die Darlehensgeschäfte der Juden im Verlaufe der Ausweisung gehabt hatten; nur die Personen, die damals auf die Geschicke der Juden Einfluß geübt hatten, waren ihnen im Gedächtnis geblieben: Ferdinand I. als Feind der Juden, Papst Pius IV., der sich ihrer erbarmt hatte, und die Söhne des Kaisers, ganz besonders Maximilian II., die den Juden geholfen hatten. Die Kenntnis der geschichtlichen Ereignisse und ihres Zusammenhanges war verschwunden, an ihre Stelle waren Sagen und A lekdoten getreten. In der Chronik Zemach David findet sich von diesen Sagen und Anekdoten nichts, aber das beweist noch nicht, daß der Autor dieser Chronik, David Gans, sie nicht gekannt hätte.60 Hat sie auch Salomo gekannt? Eine solche Vermutung kann man nicht ausschließen und sie würde erklären, daß die Grabinschrift und die Anmerkung im Zemach David vom Eide Ferdinands I. und von der Aufhebung dieses Eides durch Papst Pius IV. sprechen. Aber die Erzählung in der Chronik des sogenannten Correctors nennt Mardochai Kohen gar nicht und sie weicht auch, wie bereits früher erwähnt worden ist, in einem anderen Punkte von der Anmerkung Salomos ab. Sie sagt, Ferdinand I. sei ein Feind der Juden geblieben, trotzdem Papst Pius IV. ihn seines Eides entbunden habe. Dagegen behauptet Salomo in der Anmerkung, das Schreiben des Papstes, das den Eid aufgehoben habe, habe den Kaiser bestimmt, sich wieder der Juden zu erbarmen. Salomo muß also seine Behauptung, Mardochai sei der Retter der Juden gewesen, aus einer anderen Quelle geschöpft haben. Aus welcher wissen wir nicht.61 Es ist eines der vielen Probleme in der Geschichte, das wir — mangels zuverlässiger Nachrichten — nicht lösen können. 21 191