Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1938-01-01 · 9 (1938) · p. Seite 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
9 (1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 25 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644309--3830-2648179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

eigenen Lebensbedingungen, aus seiner besonderen Wesensart. Dies aber ist nur möglich, wenn der Historiker allen Gewalten, auch denjenigen, die ihm weltanschaulich oder bekenntnismäßig nicht nahestehen, mit dem Willen zu unerschütterlicher Gerechtigkeit gegenübertritt." Die andere jüdisch-historische Einstellung will die „Veränderung des Geschichtsbildes", die neuestens eingetreten sei, anerkennen. Sie meint, „mit dem alten Bilde der Geschichte der Juden in Deutschland sei nicht mehr auszukommen". „Das verwandelte Geschichtsbild verdient, wie die neue Geschichtsbetrachtung überhaupt, unsere ernsteste Aufmerksamkeit." Sie nähert sich damit stark dem antijüdischen Standpunkt. Ihre eigenen Erwägungen führen folgerichtig „dann im Effekt zu gleichen Ergebnissen" wie die der grundsätzlich judenfeindlich eingestellten Axiomatik, wenn freilich „aus entgegengesetzten Motiven und mit anderen Ausblicken".79 Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre gegen diese Betrachtungsweise so manches einzuwenden. Zuzugeben ist aber, daß die wissenschaftliche Klarstellung und Lösung des Problems außerordentlichen Schwierigkeiten begegnet.80 Eine eingehende Auseinandersetzung ist indes in diesem Zusammenhang weder beabsichtigt noch notwendig. Bloß ein Hinweis auf die historisch wie psychologisch gleich feinen Beobachtungen des großen deutschen Wirtschaftshistorikers Gustav Schmoller sei gestattet. Er hat seinem letzten, erst nach seinem Tode veröffentlichten Werke „Deutsches Städtewesen in älterer Zeit"81 eine selbständige Studie über die deutschen Städtehistoriker des 19. Jahrhunderts vorausgeschickt. Gleichsam als Einleitung zu den Untersuchungen und Darstellungen der Tatsachen hielt es Schmoller für notwendig, ein Bild der wichtigsten wissenschaftlichen Persönlichkeiten zu entwerfen, die als Führer in der Erforschung der deutschen Städtegeschichte im 19. Jahrhundert gelten können. Denn Schmoller sagte sich durchaus zutreffend: „Wie fast bei jedem, der sich mit dem Gegenstande beschäftigt, schon die Fragestellung, noch mehr die Beantwortung wieder eine andere ist, so kann das nicht in den Quellen, die für jeden dieselben sind, liegen, sondern in den verschiedenen Anlagen und Temperamenten, in den verschiedenen Bildungslaufbahnen und Lebensschicksalen. Hat man je gehört, daß verschiedene Leser desselben Buches ganz dieselben Eindrücke haben? Jeder liest mit anderer Absicht, bei jedem haftet anderes, jeder übersieht dies und behält anderes vorzugsweise. So müssen auch verschiedene Forscher bei Benutzung derselben Quellen mit verschiedenen Eindrücken zu verschiedenen Theorien kommen, auch wenn ihre methodische Schulung manche der Fehlerquellen ausschaltet. Daher das Ergebnis: Die verschiedenen Forscher auf denselben Gebieten werden nur Teile der Wahrheit erfassen." 25 25

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.