Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 27)
- Language
- German
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heit der Wissenschaft und weniger — leider all zu weniger — jüdischer und christlicher Gelehrten, ist heute in den Mittelpunkt des Interesses weiter nichtjüdischer und jüdischer Kreise gerückt. Über den engeren Rahmen gelehrter Methodenfragen hinaus sind die wissenschaftliche Aufgabe auf dem Gebiet der Erforschung der Geschichte der Juden, die Wahl des Stoffes, die Art seiner Gestaltung, die Voraussetzungen der Einstellung, die Gesetze der Wissenschaftlichkeit zu einem Problem geworden, das vor breitester Öffentlichkeit sogar in Tageszeitungen Behandlung findet. Auf der einen Seite wird eine neuartige Gesamtdeutung des historischen Geschehens um die Juden aus dem Gesichtspunkt „politischer Wissenschaft" angestrebt. In bewußtem Gegensatz zu der „falsch verstandenen Objektivität" der bisherigen Forschung wird eine betont „gegenwartsnahe Fragestellung44 gefordert. Mit anderen Worten die Fragestellung, die Betrachtung und Untersuchung des historischen Quellenmaterials wird vorsätzlich an modernen politischen Problemen orientiert. Das nationalsozialistische Wertsystem wird zum Kriterium der historischen Forschung erhoben.75 Auf der anderen, der jüdischen Seite scheint man sich nicht überall in gleichem Maße klar darüber zu sein, welche Stellungnahme rein wissenschaftlich geboten ist, ja selbstverständlich sein müßte. Zwei Anschauungen stehen einander hier gegenüber. Die eine meint, daß die Bedingungen der Vergangenheit nicht ausschließlich mit dem Wertmaßstab einer völlig veränderten Gegenwart gemessen wTerden dürfen. Sie will historische Ereignisse aus ihrer Zeit und aus ihrer Eigengesetzlichkeit heraus betrachten und begreifen.76 Diese Auffassung anerkennt „zwei Mächte als höchstes Ideal im Sinne Wilhelm von Humboldts: das jüdische Sittengesetz und die große deutsche Tradition des geschichtlichen Sehens. Im Sinne Rankes will sie um sachliche Klärung bemüht sein, im Sinne Treitschkes will sie mit ihrem Herzen auf der Seite des Judentums stehen.44 Sie befindet sich so auf dem sicheren Boden der im 19. Jahrhundert langsam und stetig entwickelten Überlieferung der deutschen historischen Forschung. Sie könnte sich dabei auf führende Historiker Deutschlands berufen, die diese Auffassung auch heute noch als grundlegend betrachten und festhalten. Erwähnt seien nur zwei Namen: Johannes Haller?1 der kürzlich erst ein vom heiligen Feuer tiefer Wissenschaftlichkeit durchglühtes Bekenntnis über die Aufgaben des Historikers abgelegt hat, und Willy Andreas, der in seinem Werke „Deutschland vor der Reformation44 zu der Frage ebenfalls eindeutig Stellung genommen hat. Folgende Sätze aus dem Vorwort mögen hier Raum finden:78 „So kann auch das spätmittelalterliche Deutschland beanspruchen, daß man es nicht bloß an dem messe, was vorausging oder nachher kam. Es will aus sich heraus verstanden werden, aus seinen 24 24