Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 401)
- Language
- German
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Prozeß des Judenbaders aus Gaya3 zu lesen, dann kann man sich leicht ein Bild entwerfen von der Art und Weise, wie die Heilkunde zu jener Zeit gehandhabt wurde. Die Bader, Badhausbesitzer, oder Badhauspächter — bei den Juden waren es die Pächter des rituellen Tauchbades — waren nicht nur Bartscherer, sie setzten Schröpfköpfe, ließen zur Ader, extrahierten Zähne, richteten Herniän ein, schienten Frakturen, legten Verbände an, amputierten Gliedmaßen, rieben Salben, mischten Tränklein und verordneten Medikamente gegen verschiedene Beschwerden. Zuweilen waren es ja Roßkuren, denen sich leidende Menschen unterziehen mußten, die Kindersterblichkeit, die Sterblichkeit bei ernsten Erkrankungen war zu jener Zeit noch sehr groß. Ein solcher Judenbader-Wundarzt hat das medizinische Lehrbuch niedergeschrieben, aus welchem nicht nur er selbst, sondern auch Baderlehrlinge die Heilkunde erlernen sollten. Aber eines möchte ich bemerken, der Verfasser des Manuskriptes war nicht bar aller medizinischen Kenntnisse und überragte die Bader-Heilkünstler seiner Zeit turmhoch. Er war kein gewöhnlicher Judenbader, ihm waren die lateinischen Fachausdrücke geläufig, er verfügte über reiche pharmazeutische Kenntnisse, er ist in der Arzneivorschreibung und Zusammensetzung der Arzneimittel sehr bewandert. Auch die fremdsprachigen Namen der Medikamente sind ihm bekannt. Wohl haben sich dabei zahlreiche Irrtümer eingeschlichen, was ja zum Teile durch die Transskription in hebräische Buchstaben zu erklären ist; ausgeschlossen ist aber auch nicht, daß der Schreiber der Handschrift, wo er nicht selbst Autor ist, vieles nicht verstanden und dadurch auch nicht korrekt niederschreiben konnte. Das Manuskript wurde viel benutzt, viel gelesen, ist an den untern Ecken vom häufigen Umblättern stark abgegriffen und dadurch auch an zahlreichen Stellen unleserlich. Bei der Beschreibung der Handschrift habe ich mir die Aufgabe gestellt, die Leser über den Inhalt eingehend zu informieren. Der Schreiber des Lehrbuches verfügt über einen reichen Arzneischatz, ich zählte mehr als 400 Medikamente, einige Rezeptbeispiele will ich von seinen anführen. Auch die Indikationen sollen kurz und übersichtlich dargestellt werden. Eine Anzahl von Beispielen soll wortgetreu wiedergegeben werden. Ich will weder an der Stilistik noch an der Schreibweise der verordneten Arzneimittel Korrekturen vornehmen. Erklärungen von Worten oder Ausdrücken, die mir zum Verständnisse des Textes nötig erscheinen, setze ich in ( ) runde Klammern. Unleserliche verblaßte Worte und Sätze werden durch......Punkte bezeichnet. Wo sich Zweifel über die Lesung eines Wortes oder dessen Verständnis ergaben, st dies durch ein Fragezeichen (?) angedeutet. 3 401