Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 229)
- Language
- German
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Trotzdem nun der Urheber und Hauptapostel der Sekte Johann Pita war, ergibt sich aus der verhältnismäßig bedeutenden Zahl seiner Anhänger, daß seine religiösen Anschauungen, mögen sie auch im christlichen Milieu absonderlich erscheinen, einen bedeutenden Widerhall hatten und einer gewissen Menschengruppe entsprachen, deren bisherige religiöse Anschauungen offenbar zerrüttet waren und keinerlei Befriedigung gewährten. Die Sekte der sog. Bidschower Israeliten ist daher die Frucht einer Kollektivbewegung, eine Teilerscheinung jener religiösen Strömung, die dem geheimen böhmischen Akatholikentum der nachweißenbergischen Zeit entspringt und die im Hinblick auf die klarformulierte katholische Lehre oder auf die klarformulierten unkatholischen Lehren christlicher Grundlage als böhmische Religionsschwärmerei bezeichnet wird. Zweifellos wird diese Bewegung vom Standpunkt der kirchlich-christlichen Orthodoxie mit Recht so bezeichnet. Wir haben kennengelernt, daß ernste historische Arbeiter, wie Helfert, Rezek u. a., den Grund zur Entstehung der böhmischen Religionsschwärmerei (und auch der Sekte der sog. Bidschower Israeliten) in der nachweißenbergischen Akatholikenverfolgung suchen, die mit Entziehung der Religionsbücher verbunden war und eine unzureichende Katechese und mithin den Verfall fester Religionsanschauungen vom kirchlichen Standpunkt zur Folge hatte. Diese Erklärung beruht allerdings auf der Überzeugung der Auf klärungszeit; diese erblickte, wie schon erwähnt, die Ursache zur Entstehung des sog. israelitischen und deistischen Sektenunwesens unter den geheimen böhmischen Akatholiken „in der Intoleranz der Priester und Gesetze'4. Es ist sicherlich nicht zu bezweifeln, daß die angedeutete Erklärung im Wesen zutrifft, ich glaube jedoch, daß sie einer Ergänzung bedarf. Es ist bekannt, daß sich die Religionsschwärmerei im XVIII. Jahrhundert nur in bestimmten Gebieten Böhmens zeigte, insbesondere im Bidschower, Chlumetzer und Pardubitzer, bzw. Chrudimer Ländchen, nicht aber in anderen Gebieten mit geheimem Akatholikentum in Böhmen. Die Erklärung, es handle sich um Landstriche, wo wegen ihrer größeren Entfernung von der schlesischen Grenze sich der Einfluß der akatholischen Emissäre nicht so intensiv auswirken konnte, wie z. B. im Adlergebirge, und wo daher der Verfall fester religiöser Anschauungen viel durchgreifender war, vermag m. E. nicht alles zu erklären, denn anderswo in gleicher Entfernung von der Grenze, wie z. B. auf der Herrschaft Podebrad, verfiel das geheime Akatholikentum nicht oder zumindest nicht in solchem Umfange der Religionsschwärmerei. Es ist also nicht zu zweifeln, daß die Religionsschwärmerei nicht allein durch die allgemeinen Folgen der Religionsverfolgung hervorgerufen wurde, sondern auch durch psychologische Sonderursachen, die sich freilich von der historischen Forschung von heute sehr schwer fassen und formulieren lassen. Auch 228 82