Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 226)
- Language
- German
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Judengemeinden, soweit sie freilich seitens der Obrigkeit eingelassen wurden. Eine gewisse Zahl dieser Exulanten fand in der Tat eine vorübergehende Unterkunft auch im Neubidschower Ghetto und einige derselben wurden im Sinne des Reskripts vom 7. September 174565 sogar in Christenhäuser aufgenommen, doch darüber, daß man diese Exulanten auch auf den Dörfern der Bidschower oder der Chlumetzer Herrschaft angesiedelt hätte, insbesondere in jenen, in welchen Gesinnungsgenossen des „jüdischen Irrtums" vorkamen, ist nicht der geringste Beleg vorhanden.66 Schließlich hat die Untersuchungskommission des Prager Appellationsgerichtes im Jahre 1747 festgestellt, die Sekte habe schon im Jahre 1742 angefangen, bzw. existiert, und so ist sonnenklar, daß zwischen ihrer Entstehung und der Ausweisung der Juden aus Prag durch die Edikte aus den Jahren 1744 und 1745 keinerlei Zusammenhang bestehen kann. Reichen die angedeuteten Argumente völlig dazu hin, um die Behauptung über die Entstehung der Sekte der sog. Bidschower Israeliten als einer Frucht proselytenmacherischer Bestrebungen mit vollem Recht unter den antisemitischen Aberglauben einzureihen, so kann man ihr Gewicht noch durch innere Gründe erhöhen, auf die schon vor einiger Zeit Ant. Rezek hingewiesen hat.67 Man kann sich, ich wiederhole es, nicht vorstellen, daß die Juden, deren Tun und Lassen von der Öffentlichkeit unausgesetzt aufmerksam verfolgt und strenge kritisiert wurde und die sich der schweren Folgen für sich bewußt waren, wenn sie außerhalb der wirtschaftlichen Sphäre intime, besonders aber geistige Beziehungen mit einem Teile der christlichen Bevölkerung oder nur mit christlichen Einzelpersonen angeknüpft hätten, ihre proselytenmacherischen Bestrebungen gerade in einem für sie wirklich außerordentlich gefährlichen und kritischen Augenblick angeknüpft hätten, als ihre Existenz in Böhmen wirklich nur an einem Haare hing. Man muß bei der bekannten judenfeindlichen Gesinnung Maria Theresias in dieser Zeit annehmen, erwiesene proselytenmacherische Bestrebungen hätten den Juden das Genick gebrochen, in Wirklichkeit aber hatte — von der Hinrichtung des Rabbiners Mendl abgesehen —, die Aufdeckung der Sekte der sog. Bidschower Israeliten für die Juden keine schwereren Folgen. Ebenso muß man ferner auch jene schier unübersteigbaren Schranken in Betracht ziehen, welche nicht bloß die religiösen Anschauungen, sondern alle Gewohnheiten im Bereiche des Geistigen, in der Gesittung und in der gesamten Lebensart und -haltung (als Ergebnis der ganz verschiedenen Herkunft, Überlieferung und Lebenserfahrungen) zwischen dem christlichen und dem jüdischen Element aufgetürmt haben. So wie der getaufte Jude unter der christlichen Gesellschaft jähre-, ja hie und da generationenlang das Stigma seiner Herkunft trug, das ihn gesellschaftlich und gewissermaßen auch moralisch minderwertig und minderangesehen in der neuen 79 225