Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 190)
- Language
- German
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in der Mehrzahl der königlich-böhmischen Landstädte unterschied und daß sie in mehr denn einer Hinsicht auch mit den Grundlinien des Zustandes übereinstimmte, wie sie sich in der größten Judengemeinde Böhmens, im Prager Ghetto, zeigen. Auch aus der Entwicklung des Bidschower Ghettos ergibt sich ganz klar, wie der Dreißigjährige Krieg, mochte er den Juden auch zeitweise Leiden und zahlenmäßige und wirtschaftliche Einbußen bringen, in der Geschichte der böhmischen Juden einen sehr wichtigen Grenzstein bedeutet, der zwei recht verschiedene Entwicklungsstufen scheidet. Bis zur Schlacht auf dem Weißen Berge überschritt der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur christlichen nicht gewisse Grenzen und hielt sich grundsätzlich auf dem Niveau der allgemeinen Populationsdynamik in Böhmen, die sanft ansteigende Tendenz zeigte. Allerdings kann man schon vor der Weißen - bergschlacht deutlich eine ziemlich entwickelte judenfeindliche Stimmung wahrnehmen; sie war vor allem im Wirtschaftlichen begründet, ging hauptsächlich von den Kreisen der christlichen Handelstreibenden bzw. Handwerker aus und griff dort um sich, wo das jüdische Unternehmertum als Konkurrent auftrat. Wir haben gesehen, daß sich in Neu-Bidschow diese judenfeindliche Stimmung bereits unter der Pernsteinschen Herrschaft Luft machte, ohne sich jedoch wesentlicher oder dauernder auszuwirken. Der Dreißigjährige Krieg führte nun einen ziemlichen Umschwung herbei. Im Gegensatz zur christlichen Bevölkerung hatten die Juden rasch die im Kriege erlittenen Einbußen an Zahl und Besitz ersetzt und begannen dank einer großen Natalität und Immigration verhältnismäßig schnell anzuwachsen. Das hatte ganz natürlich eine bedeutende Erweiterung in der Sphäre des jüdischen Unternehmungsgeistes in Handel und Industrie zur Folge; das jüdische Element gewann während des allgemeinen Verfalles der nachweißenbergischen Zeit nie dagewesene Bedeutung und riß einen Großteil des christlichen Konsums an sich. Mitunter traten Pestseuchen auf und dezimierten in nachweißenbergischer Zeit sehr stark die Bevölkerung der Ghettos, denn hier mußte sich eine wesentlich angewachsene Volkszahl auf derselben Baufläche zusammendrängen wie in vorweißenbergischer Zeit; aber auch diese Einbußen konnten den stetigen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung nicht hemmen. In Bidschow hat das Ghetto, soviel bekannt, in nachweißenbergischer Zeit nicht einmal größere Volksverluste durch Pest erlitten und so wurde der natürliche Volkszuwachs höchstens durch den beschränkten Umfang des Ghettos gehemmt, wo es wohl bald nach dem Dreißigjährigen Kriege keinen freien Bauplatz mehr gab. Unter diesen Umständen war es nur natürlich, daß bei den christlichen Handelstreibenden und in Handwerkerkreisen die vorweißen- 43 189