Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
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*6 Der Hauptbestandteil der talmudischen Sprache ist das jüdisch-babylonische Aramäisch. M Nachdem bei den russischen Juden durch den Umsturz in Rußland das religiöse Leben wie das Talmudstudium lahmgelegt worden sind, sind jetzt als Stätten des Responsenverkehrs nur noch verblieben: Palästina, Polen, Litauen und Teile von Lettland. Daß aber auch noch unter der Sowjetherrschaft Responsen liie und da geschrieben werden, beweist das im vorigen Jahre in Jerusalem erschienene Responsenwerk des früheren russischen Rabbiners in Melitopol (Ukraine) Zewi Makowsky u. d. T. „Jechawe Daat". Das für den Historiker Wertvolle dieser Responsen besteht darin, daß sie uns ein Bild vom gegenwärtigen Leben der russischen Juden in religiöser Beziehung bieten. Ein Teil von ihnen hat sich vom Judentum losgesagt, während der andere noch in der Treue zur Tradition verharrt. Die letzteren erleben wahre Tragödien durch die Irreligiosität der anderen, wie das folgende zeigt. Eine Frau, die nach jüdischem Rechte geheiratet hatte, verläßt ihren Mann und geht gemäß den staatlichen Gesetzen mit einem anderen Juden eine Ehe ein, ohne daß die erste Ehe durch den vom jüdischen Religionsgesetz vorgeschriebenen Scheidebrief gelöst worden wäre. Der erste Gatte, der religiös ist, betrachtet sich daher noch als gebunden und kann keine andere Frau heiraten, sonst würde er wegen Bigamie dem Banne des R. Gerschom verfallen. Er will der Frau den Scheidebrief geben, diese verweigert jedoch die Annahme, vielleicht aus Furcht, daß sie dadurch (durch Annahme des traditionellen Scheidebriefes) ihre Stelle im Staatsdienst verlieren könnte. Der Vater des zweiten Gatten, der ebenfalls gesetzestreu ist, wünscht auch, daß die Frau den Scheidebrief annehme, damit sein Sohn nicht mit einer verheirateten Frau zusammenlebe. Der Rabbiner, zu dessen Kenntnis diese Sache gelangt, bemüht sich nun die Scheidung der ersten Ehe durchzuführen, indem der Scheidebrief einer dritten Person für die Frau eingehändigt wird. So wird durch die neue Ordnung im Sowjetstaate wieder Anlaß zu rabbinischen Gutachten und Responsen gegeben. Ähnliche Probleme wie im vorliegenden Falle sind im Mittelalter durch Zwangstaufen geschaffen worden, von denen Responsen berichten. 18 Entwurf einer Geschichte der Literatur der nachtalmudischen Responsen, Breslau 1865, S. 9f. *9 Teschuwot chachme zorefat we-lutir, Wien 1881. 20 Eben ha-Eser, ed. Prag, § 8. 21 Vgl. Steinherz, Die Einwanderung der Juden in Böhmen, im Sammelbuch „Die Juden in Prag", S. 32. 22 Eben ha-Eser, S. 70,1. 23 Wie es scheint, kannte Elieser b. Nathan den böhmischen Ritus aus eigener Anschauung. Vielleicht hat er dort in der Jugend auf einer Jeschiba studiert. Daß Böhmen im Mittelalter von den Juden wegen des dort blühenden Sklavenhandels „das Land Kanaan" (nach Genes. 9, 25 ist Kanaan Stammvater der Sklaven) genannt wurde, bezeugt der Reisende Bmjamin aus Toledo vom XII. Jahrhundert (Massaot Binjamin, am Ende). 24 Es sei hier hingewiesen auf die Abhandlung M. Hormanns „Der Geldhandel der Juden im Mittelalter" (bis 1350), Leipzig 1910, die Schrift H. Zimmels „Beiträge zur Geschichte d. Juden in Deutschland im 13. Jahrhundert" (mit den Responsen Meir Rothenburgs als Quelle), Wien 1926, und hinsichtlich Böhmens auf die Veröffentlichung S. H. Liebens „Beiträge zur Kulturgeschichte d. Juden Böhmens im 18. Jahrhundert" (Festschrift des Vereins „Anke Jehuda", Prag 1929/30). 25 Es sei jedoch bemerkt, daß die Responsen wohl die reichste, nicht aber die einzige Quelle in der rabbinischen Literatur sind, aus der historisches Material geschöpft werden kann. Auch die Sammlungen von „Minhagim" (Bräuchen), Predigten, moralische Schriften und Abhandlungen verschiedener Art enthalten Tatsachen, die sich historisch verwerten lassen. 26 Geschichte des Erziehungswesens etc., III, S. 14. 25 51