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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1936-01-01 · 8 (1936) · page 30

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
8 (1936)
Date
1936-01-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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der Logik oder den fortgeschrittenen Begriffen der Zeit, bzw. mit den Meinungen der älteren Autoritäten in Widerspruch steht. Die Mischnalehrer leiten die Normen für ihre Zeit aus dem mosaischen Gesetz her und interpretieren dabei nach Bedarf die Schrift. Im Talmud interpretiert die jüngere Gemara die ältere Mischna, auf der sie ihre Normen aufbaut. Die nacht almudischen Gesetzeslehrer (Geonim, Rabbinen) richten sich nach dem Talmud und interpretieren die Talmudlehrer, wenn es nötig wird; unter den Rabbinen selber sind die jüngeren Autoritäten darauf bedacht, mit den älteren nicht in Kollision zu geraten und suchen diese zu interpretieren, wenn deren Meinungen mit ihrer Auffassung nicht übereinstimmen . Der religiöse Charakter der Rechtslehre brachte es auch mit sich, daß nur diejenigen Normen als absolut bindend von den späteren Generationen anerkannt wurden, die von solchen Autoritäten geschaffen waren, die als heilige Männer und von Gott dazu eingesetzt galten. Das waren die Mischna- und Talmudlehrer, die Träger der sogenannten „mündlichen Lehre", die der schriftlichen des mosaischen Gesetzes zwar nachgeordnet, aber für alle Zeiten verpflichtend war. Nach Abschluß des Talmud (Anfang des VI. Jahrhunderts) durften keine neuen Normen mehr geschaffen werden1. Das Leben stand aber nicht still. Es zeitigte nicht nur neue Verhältnisse und Lebensformen, sondern machte auch einen großen Teil der früheren einfachen Lebensformen komplizierter, so daß sie äußerlich von den primitiven alten abwichen. Diese Neuerscheinungen des Lebens brachten neue Probleme hervor, für die es keine festgesetzten Normen und keine klaren Vorschriften bei den alten Autoritäten gab. Es mußten neue Normen und neue Bestimmungen geschaffen werden, die aber, da die Möglichkeit selbständigen Schaffens versagt blieb, nur aus den alten geheiligten Normen und Vorschriften auf dem Wege der Analyse und der Vergleichung deduziert werden konnten. Zu diesen Geistesoperationen gehörte aber nicht nur ein außerordentlicher Scharfsinn und die Gabe tief in die Materie einzudringen und das Gemeinsame zwischen dem alten und neuen Falle herauszufinden, sondern auch eine eminente Belesenheit in der Gesetzesliteratur und die eingehende Kenntnis der Meinungen der maßgebenden älteren Lehrer, gepaart mit der Fähigkeit, diese Meinungen entsprechend zu interpretieren. Es ist klar, daß nur wenige auserwählte Männer in jeder Generation, nur die Koryphäen talmudischer Gelehrsamkeit die aufgezählten Eigenschaften besaßen und imstande waren, in jedem neuen Falle, den das Leben hervorbrachte, eine Entscheidung auf dem Wege der Herleitung vom alten Gesetz zu treffen. Die meisten Rabbiner konnten, wenn Laien an sie Anfragen richteten, nur dann Bescheid erteilen, wenn sie für den betreffenden Fall im Talmud oder später in den Dezisoren eine klare, eindeutige 28 2

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