Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Rabbinische Geschichtsquellen. Von Dr. B. Suler. Einleitung Es ist eine Eigenheit der jüdischen Religion, daß sie nicht nur Glaube, sondern zugleich Gesetz ist, — Gesetz und Verfassung. Sie normiert die Lebenstätigkeit des einzelnen Juden in allen ihren Äußerungen und Beziehungen vom Morgen bis zum Abend, von der Wiege bis zur Bahre und bestimmt auch das Zusammenleben in Familie und Gemeinde. Die Summe der religiösen Normen bildet das Religionsgesetz, das sich nicht nur auf die Beziehungen vom Menschen zu Gott, sondern auch auf die von Mensch zu Mensch erstreckt, und zwar nicht nur auf solche rein ethischer Natur, sondern auch auf die in das Gebiet des Rechts fallenden, sowohl im eigenen Kreise als auch im Verhältnis zur Außenwelt. Wie das Höchste in der Religion durch das Gesetz normiert ist, so ist das Alltägliche im Gesetz durch die Religion geheiligt. Auch die Rechtslehre hat ihren Ursprung in Gott und ist daher Religion. Diese Verquickung von Religion und Wissenschaft in der Rechtslehre mußte zu einer gewissen Gegensätzlichkeit führen. Denn in der Wissenschaft herrscht die Logik, in der Religion aber die Autorität. Die jüdische Rechtslehre, die zugleich Wissenschaft und Religion ist, wird also von beiden beherrscht, von der Logik und der Autorität. Die Logik führt aber zwangsläufig zur Kritik, was der Gegensatz von Autorität ist. Aber nicht nur zwischen Logik und Autorität kann es Gegensätze geben, sondern auch zwischen einer Autorität und der anderen, d. h. zwischen zwei die Autorität besitzenden Personen, die über eine und dieselbe Sache divergierende Meinungen äußern. Diese Gegensätzlichkeit wiegt um so schwerer, wenn die eine Autorität eine ältere ist. Denn in der Religion ist die Größe der Autorität ihrem Alter direkt-proportional, d. h. je älter die Periode ist, der die betreffende Autorität angehört, desto maßgebender sind ihre Meinungen und desto bindender ihre Entscheidungen für die späteren Generationen. Das Suchen nach dem Ausgleich aller dieser Gegensätze beherrscht die talmudische Wissenschaft und wirkt auch mitbestimmend auf ihre Methode, sowie es auch einen integrierenden Teil der nachtalmudischen rabbinischen Forschung bildet, die ihre Methoden vom Talmud übernommen hat. Als Hauptmittel dieses Ausgleichs wird die Interpretation angewendet. Diese Methode besteht darin, daß die Meinung der betreffenden Autorität so interpretiert wird, daß sie nicht mehr mit den Schlüssen 1 27