Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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haben. Quellen über die Betätigung der Juden in diesen Städten fehlen leider. Die Taboriten stießen aber bei ihren Feldzügen auf jüdische Gemeinden in anderen Städten. Einen Bericht über ein solches Zusammentreffen, in dem die Taboriten allerdings zusammen mit den „Pragern" vorgingen, findet sich bei der Einnahme von Komotau im Jahre 1421. „Sie belagerten die Festung Komotau, die sie auch innerhalb von 3 Tagen erobern ... und sie haben fast das ganze männliche Geschlecht getötet, und auch viele Frauen sind zugrunde gegangen; und die Juden und Jüdinnen haben sich, bevor sie getauft werden würden, freiwillig mit ihren Kindern ins Feuer geworfen."69 Die Wahl zwischen Taufe und Tod, die hier den Juden gestellt wurde, ist fürchterlich; und doch hebt Bezold70 mit Recht hervor, daß den Katholiken überhaupt keine Wahl gelassen wurde. Diese Tatsache ist für unsere Beurteilung des Verhältnisses der Hussiten und Taboriten zu den Juden, vor allem aber für die Beurteilung der Zeitgenossen von großer Bedeutung. So wurde von katholischer Seite den Hussiten überhaupt und besonders den Taboriten ihre zu große Duldsamkeit gegenüber den Juden vorgeworfen. Andreas von Brod klagt: „Gegen rechtschaffene Christen, ... gegen Mönche und Nonnen ... wütet ihr, während ihr den Juden, Häretikern und Waldensern verzeiht."71 Dieselbe Klage erhebt das Konstanzer Konzil in einem Brief an König Sigismund.72 Bezold hat sich zuerst mit dem Verhältnis der Hussiten zu den Juden befaßt. Er schließt aus der Übereinstimmung der allerdings parteiischen katholischen Quellen auf „eine ganz merkwürdige Richtung der hussitischen Toleranz".73 Diese merkwürdige Richtung, die Bezold sich nicht erklären kann, ist auf der Grundlage der gekennzeichneten Antichristanschauung der Hussiten möglich und notwendig geworden. Bezolds Satz ist eine Bestätigung unserer These von dem günstigen Einfluß, den die Wandlung der Antichristauffassung in der Einstellung und — wenn man die Zeitumstände berücksichtigt — auch in dem tatsächlichen Verhältnis der Hussiten zu den Juden hervorgebracht hat. Es erübrigt nun noch, die geistige Einstellung der Taboriten zu den Juden darzustellen. Wir haben gesehen, daß auch die Taboriten, die von Matthias von Janow geprägte Antichristanschauung vertreten, konnten dafür aber nur ein Zeugnis74 beibringen. Die Ursache dafür liegt wohl darin, daß die Taboriten nicht mehr so viel von der Endzeit sprechen, weil sie für sie in einem viel realeren Sinne als z. B. für Milic von Kremsier Wirklichkeit geworden war, und weil ihnen diese ihre Wirklichkeit so außerordentlich viele Probleme aufgab. Es ist nun äußerst interessant zu sehen, daß die Taboriten sich bei der Lösung dieser Probleme sehr oft des Alten Testaments bedienen und sich überhaupt der Auffassung des 17 17