Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1936-01-01 · 8 (1936) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
8 (1936)
Date
1936-01-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2644300-2644311--3396-2647744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hatte eine bestimmte Richtung der Taboriten von den Waldensern übernommen.) Am 9. März 1422 ist also die Beraubung der Juden im Laufe einer sozial-politiseh-religiösen Empörung der unteren Schichten erfolgt, wie das ähnlich auch in deutschen Städten in dieser Zeit vorkam.68 Dürfen wir aus dem Vorgehen der taboritischen Massen in Prag auf das Verhältnis der Taboriten zu den Juden im Allgemeinen sehließen? In der Stadt Tabor sind die Juden erst am Ende des XVI. Jahrhunderts nachweisbar.64 Vorher kann es dort also wohl kaum eine Judenfeindschaft gegeben haben. Auch berichten die Quellen nichts davon. Wenn wir uns nun die Frage stellen, warum es in Tabor so lange keine Juden gab^ während doch in viel kleineren Städten Juden wohnten, so ist die Antwort darauf wohl, daß bei den Taboriten das Verbot des Geld Verleihs mit Gewinn wirklich durchgeführt war. Allerdings läßt sich dies nicht mit Sicherheit behaupten. Zwar gilt der Wucher in Tabor als ein Gewerbe, das „auf keine Weise ohne Sünde betrieben werden kann".65 Zwar ist die Schrift des Taboriten Nikolaus von Dresden „Über den Zins'. die ebenso wie Jacobells gleichnamiger Traktat 1415 entstanden ist, radi- 0 kaier als Jacobells Traktat. (Einen besonderen Anhang über die Judenfrage besitzt diese Schrift leider nicht.) Nikolaus fordert, einen Christen, der den Wucher für erlaubt hält und „hartnäckig in diesem Irrtum beharrt, wie einen Häretiker zu bestrafen", d. h. zu verbrennen. Dieser Satz steht wörtlich in den Verordnungen des ersten Prager Erzbisehofs Ernst von Pardubitz von 1349 in dem Kapitel „über den Wucher und die Wucherer". Ernst verbietet den Wucher. Daß dies Kapitel sich in einer Handschrift des XV. Jahrhunderts66 fast vollständig ins Tschechische übersetzt findet, ist ein Beweis für die Aktualität des Themas. Nikolaus von Dresden geht aber noch weiter als der Erzbischof und als Jacobeil. Er verdammt nicht nur den, der Geld verleiht, sondern auch den, der Geld borgt, „weil es niemanden geben würde, der Geld verleihen würde, wenn niemand es sich borgen würde".67 Aber damit ist noch nicht gesagt, daß Nikolaus' Forderung verwirklicht wurde, wenn dies auch bei den in Tabor herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen eher möglich scheint als bei Jacobells Forderungen, die, wie oben dargestellt, in Prag nicht realisiert wurden. Es bestand in Tabor jedenfalls vorübergehend eine gewisse Gemeinsamkeit an den Konsumtionsgütern. Infolgedessen war der Bedarf an Leihkapital wohl geringer, so daß für das Hauptfeld jüdischer Betätigung kein Raum war. In den taboritischen Städten Laun und Nachod finden wir dagegen Juden im XV. Jahrhundert.68 Aus Laun haben wir Kenntnis von einem reichen Juden, dem im Jahre 1424 ein Haus gehört. Aus Nachod wird eine Judenaustreibung im Jahre 1455 berichtet. Vorher müssen also dort Juden gelebt 16 16

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.