Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644311--3393-2647741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schlimmer, weil sie noch schärfer sind in Bezug auf den Wucher als die Juden, und umso schlauer bemühen sich die christlichen Geldleiher, den Wucher zu verheimlichen, als er den Christen offener und prinzipieller verboten ist als den Juden. Die hussitische Antichristauffassung, die Jacobeil, wie wir gesehen haben, voll und ganz teilt, ist also mit derartigen Äußerungen durchaus vereinbar. Jacobell macht den Vorschlag einer wirtschaftlichen Assimilation. Dieser Vorschlag ist auch für das Mittelalter nicht neu. Schon Thomas von Aquino hatte im XIII. Jahrhundert diese Forderung gestellt. Das wußte man in Böhmen, wie uns der Landedelmann Thomas von Stitny (gest. 1405), der sich auch diese Forderung zu eigen macht, durch das Zitat der betreffenden Stelle von Thomas von Aquino ausdrücklich bestätigt.51 Jacobellus bringt aber diesen alten Vorschlag in einen neuen Zusammenhang. Er meint, daß die religiöse eine Folge der wirtschaftlichen Assimilation sein wird. Jacobell glaubt zwar nicht, daß die Christianisierung unmittelbar auf die wirtschaftliche Assimilation folgen wird; denn er spricht davon, daß die Juden noch als Juden landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeit verrichten werden und schildert die wohltätige Widmung der „Umschichtung". Damit ist zwar noch nicht die Christianisierung erreicht, aber die Bekehrung wird dann — das lehrt das Beispiel der Heiden, die unter den Christen lebten, arbeiteten und zu Christen wurden — schneller erfolgen. Daß Jacobell von der wirtschaftlichen Assimilation ein Abnehmen des religiösen Studiums und infolgedessen auch eine Verminderung der Durchschlagskraft der jüdischen Argumente bei Disputationen erhofft, beweist, daß auch zur Hussitenzeit solche Disputationen öfter stattfanden und daß die Juden dabei nicht schlecht abgeschnitten haben. Das bestätigt uns auch Matthias von Janow, der die jüdische Argumentation bei einer Diskussion über Bilderverehrung wörtlich anführt und dann sagt, daß das „ungebildete christliche Volk durch diese Argumente vollständig besiegt und allzusehr in der Reinheit des christlichen Glaubens beschädigt wird.6'52 Jacobell schließt seine Schrift über den Wucher der Juden und Christen, in der er die Juden so beschimpft hat, mit einem Satz, der zeigt, daß Jacobell seinen Antichristtraktat nicht vergessen hat: Die unchristlichen Christen sind noch schlimmer als die Juden. Sie wuchern noch „schärfer", d. h. mit höherem Zinsfuß.58 Der Satz, daß die schlechten Christen noch schlimmer sind als die Juden, findet sich in diesem oder anderem Zusammenhang bei allen zitierten Autoren, auch bei Hus.54 Er ist charakteristisch für die Haltung der Hussiten, die nicht die Juden, sondern die Übelstände selbst, insbesondere den Wucher, vernichten wollen. 13 13