Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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aus dem Innern der Kirche hervorgehen würde. Die Folge davon war, daß der angesammelte Haß sich nicht mehr auf die Juden konzentrierte„ Der Begriff der Häresie, den Hus gebraucht, wird zwar im allgemeinen nur auf die von der Kirche Abgefallenen angewandt, würde also zur Bezeichnung der Juden und Heiden wirklich nicht passen. Aber die Auffassung, gegen die Hus sich wendet, scheint „Häretiker" etwa im Sinne von „Feinde der Kirche" zu gebrauchen und die Juden nicht einmal als solche zu bezeichnen. Diese Ansicht kann nicht lediglich durch Gleichgültigkeit oder Interesselosigkeit der Judenfrage gegenüber erklärt werden; denn die Argumente, die Hus gegen diese Auffassung vorbringt, zeigen gerade, daß darüber disputiert wurde, und daß eine gewisse judenfreundliche Richtung bestanden haben muß, von der leider kein direktes, wohl aber einige indirekte Zeugnisse auf uns gekommen sind.86 Hus gehört also dieser Richtung nicht an. Seine Äußerungen über die Judenfrage zeigen aber, daß seine Feindschaft nicht den Juden sondern den Nichtchristen gilt. Hus setzt sich, wie das wohl allgemein üblich war, in einer Vorlesung mit der jüdischen Polemik gegen die Menschwerdung des Gottessohnes auseinander.87 Er scheint auch etwas hebräisch gekonnt zu haben .38 ftus gehört zu der zweiten im Anfang geschilderten Gruppe, die erwartet, daß sich die Juden beim jüngsten Gericht bekehren werden. Hus erhofft von ihnen — wohl infolge der mittelalterlichen Vorliebe für extreme Wendungen — außerordentliche religiöse Leistungen: „Denn die am Ende der Welt bekehrten Juden werden ein so vorbildliches Leben führen, daß die heilige Kirche sich darüber wundern und ihr Beispiel benutzen wird."39 Die Juden werden nach ihrer Bekehrung den Kampf gegen die Ungläubigen, die es also nach der Bekehrung der Juden noch geben wird, weiter führen, „und überall werden sie gegen die Sünder kämpfen".89 Hus stand mit dieser letzteren Ansicht nicht allein, wie Symon von Tysnov, zuerst ein Mitkämpfer, dann ein Gegner der Hussiten, bestätigt. Symon verfaßte eine kleine Schrift mit dem Titel: „Ob die Sekte der Christen vollkommener ist als die Sekte der Juden und Sarazenen."40 Die Antwort lautet naturgemäß, daß die christliche Sekte jetzt vollkommener ist,41 während „in der Zeit des alten Bundes das Gesetz der Juden für Ort und Zeit absolut vollkommen war" 42 Symon hebt besonders die moralischen Lehren des Alten Testaments gegenüber Gott und den Nächsten als für die damaligen Verhältnisse vorbildlich hervor48 — eine äußerst selten im christlichen Mittelalter ausgesprochene Erkenntnis. Die Kernfrage ist also hier wie immer: War Christus der den Juden verheißene Messias? Symon behauptet das nicht nur, sondern er „beweist" es durch mystisch-allegorische Zahlenoperationen, einer Beweisführung, die im christlichen und jüdischen Mittelalter durchaus als zulässig galt.44 10 10