Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1936-01-01 · 8 (1936) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
8 (1936)
Date
1936-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2644300-2644311--3387-2647735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mehr noch als Konrad ist der leidenschaftliche Sittenprediger Milic von Kremsier von den religiösen Fragen seiner Zeit erschüttert. Der Kern seines Grübelns war die Frage: Ist der Antichrist schon in die Welt gekommen oder noch nicht? Darüber sprach Milic mit allen Menschen, deren er habhaft werden konnte: Und erst „als niemand von den Juden und Christen mich über diese Frage belehren konnte, sagte ich zu meinem Beichtvater: Siehe, niemand kann von meinem Herzen diese Sache wegnehmen, wenn nicht der Papst. Darum gehe ich nach Rom".28 Diese Bemerkung zeigt, daß Milic, wie auch Marignola dies getan hatte, mit gelehrten Juden über religiöse Fragen gesprochen hat, und daß es wieder gerade die Frage nach der jüdischen Ansicht über die endzeitlichen Dinge war, die Milic dabei berührt hatte.24 Milic ist schließlich zu der Überzeugung gelangt, daß der Antichrist schon in die Welt gekommen ist. Aber er hat kein klares und auch noch kein neues Bild vom Antichrist. In der „Predigt vom jüngsten Tag" entwickelt Milic genau dieselben Vorstellungen von der wesensbedingten Zusammengehörigkeit des Antichrist und der Juden25, wie sie in der Velislavbibel zum Ausdruck kommen. Milic glaubt an die Geburt des Antichrist aus jüdischem Stamm. Er verbindet die Sage von den verlorenen zehn Stämmen mit der Sage von den eingeschlossenen Völkern Gog und Magog26 und glaubt also, daß die früher eingeschlossenen Juden bei der Ankunft des Antichrist nach Jerusalem strömen und dort den Antichrist als ihren Messias und als Gott verehren werden P Am Tage des jüngsten Gerichts aber werden sie dem Teufel übergeben. Die für die Hussiten charakteristische Antichristauffassung, aus der sich ihre Haltung zur römischen Kirche und zu den Juden ergibt, hat erst Matthias von Janow geprägt. Matthias hat an der Pariser Universität studiert, ist dort Magister geworden und ist erst 1381 nach Böhmen zurückgekehrt. Matthias macht sich von der Tradition, von den unzähligen Legenden, von denen nur ein kleiner Teil hier mitgeteilt wurde, frei. Er faßt den Antichrist weniger als Person, sondern als die Gesamtheit der schlechten, fleischlichen Christen. Diese Gesamtheit, das ist der Leib des Antichrist; seine Glieder sind die einzelnen, untreuen Christen. Das hindert Matthias allerdings nicht, an die Konzentration alles Bösen in einem „höchsten Antichrist" (summus Antichristus) zu glauben. Das teuflische Werk des Antichrist besteht gerade darin, daß er unter christlichem Deckmantel sein widerchristliches Werk verrichtet. Durch diesen Betrug, dem nur entrinnen kann, wer von Gott selbst belehrt wurde, entsteht erst der absolute Gegensatz zu Christus. Infolgedessen kann der Antichrist nur von innen und niemals von außen kommen. „Wenn irgendein Heide oder Jude oder Sarazene einen Christen oder seinen Bruder haßt, kann er, obwohl er ein äußerer Feind wäre, trotzdem nicht 7 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.