Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Wohnung Gottes nicht auch zugleich den dritten Tempel bedeuten. Die Pforte des Himmels aber ist der zweite Tempel, und der dritte Tempel ist im Himmel und nicht auf der Erde. Diese messianische Prophezeiung und die an sie anknüpfende Legende ist hier darum wieder gegeben, weil sie sowohl der Velislavbibel und Marignola als auch, wie wir noch sehen werden, Milic von Kremsier und dem aus England stammenden Taboriten Peter Payne14 bekannt war. Marignola und Peter Payne halten die Legende vom dritten Tempel überhaupt für unglaubwürdig, während die Velislavbibel und Milic den Inhalt der Legende gewissermaßen mit negativem Vorzeichen übernehmen. Sie glauben, daß der Antichrist als Messias der Juden den dritten Tempel bauen wird. Im Mittelpunkt dieser Legende steht die Vorstellung von der Endzeit, und schon für den von Cola di Rienzo und Petrarca beeinflußten Kreis um Karl IV., dem u. a. Johann von Neumarkt und Marignola angehörte, steht die Endzeit unmittelbar bevor. Für Milic und Peter Payne aber ist die Endzeit schon Wirklichkeit geworden. Was die Juden über die Endzeit, über das messianische Zeitalter, das ihnen zuerst prophezeit worden war, zu sagen haben, wird ernsthaft erwogen, um dann allerdings abgelehnt zu werden. Marignola berührt noch einen anderen Punkt, der in der hussitischen Bewegung große Bedeutung erlangen sollte, die Bilderfrage: „Die Juden, Tartaren und Sarazenen und nicht nur die Heiden, sondern auch manche Christen halten uns für die schrecklichsten Götzendiener besonders wegen der verabscheuungswürdigen Skulpturen."15 Diesem Argument, das die Juden vielfach benutzten, maß auch das vorhussitische Böhmen große Bedeutung bei. Der große englische Reformator John Wiclif, der bekanntlich auf die hussitische Bewegung großen Einfluß ausgeübt hat, nimmt auch in diesem Zusammenhang verschiedentlich Stellung zur Judenfrage. Er hat gewisse Bedenken gegen Heiligenbilder, trotzdem er sie nicht ganz verbieten will. Er wendet sich nur gegen ihre mißbräuchliche Benutzung .16 Einen solchen Mißbrauch sieht Wiclif nicht nur in der Bilderverehrung, sondern auch bei vielen kirchlichen Zeremonien. Die Kirche gerät durch die Beobachtung von Äußerlichkeiten in die Gefahr des Judaismus. Darunter versteht Wiclif die buchstäbliche Befolgung des Gesetzes, während der innere Sinn der Heiligen Schrift, ein gutes und frommes Leben, vernachlässigt wird. Die wörtliche Beobachtung der Gesetze hat ihre volle Berechtigung im mosaischen Gesetz; dies Gesetz war aber nur eine Vorbereitung auf das „Licht des Glaubens", das Christus gebracht hat, und das nun durch die „Vipern der Tradition"17 verdunkelt wird. Wiclif schätzt — wie später auch besonders die Taboriten18 — das Alte Testament, seine religiösen und moralischen Lehren sehr hoch ein. Aber 5 5