Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Worte befolgen, Sie knien hin und beten den Antichrist an, der im Tempel sitzen wird, „als wenn er selbst Gott sei". Dieser letzte Zug gehört gleichsam zur Definition des Antichrist bei Paulus (II Thess. 2, 4). Die folgenden Bilder schildern den Siegeszug des Antichrist durch die ganze Welt und die Methoden, Gewalt und Bestechung, die er anwendet. Die zwei letzten Bilder des Zyklus zeigen den Antichrist in Jerusalem. Er wird den von der jüdischen Legende verheißenen dritten Tempel niederreißen, den die Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer wieder aufgebaut haben werden, dann aber wird er selbst einen neuen, vierten Tempel bauen, in dem er sich als Gott anbeten lassen wird.10 DieVelislavbibel stellt die allgemein verbreitete, eingangs geschilderte Auffassung von den Juden als Helfer des Antichrist dar. Die Juden wollten nicht durch Jesus Christus, die Inkarnation des Guten, erlöst werden. Der Messias, auf den sie warten, wird darum nicht der Gottessohn, er wird der Widersacher des Gottessohnes, der Antichrist sein. Ein Volk, das seine Erlösung vom absolut Bösen erwartet, muß selbst grundschlecht sein. Diese Vorstellung wird dadurch besonders betont, daß der Antichrist selbst Jude ist oder sich bewußt zum Juden macht. Die Juden und das Schlechte gehören also zusammen! Eindeutig wird dieser Gedanke in einem deutschen Antichristtraktat ausgesprochen: Christus sagt: „Ich pin in meines vatez namb komen und habt mich nicht entpfangen, das ist, ir habt an mich nicht gelawbt. So kumpt ein ander in meinem namb, an den werdet ir gelawbn, und werdet in entpfachen. Davon kumpt der Antichrist den Juden und nicht den guten Christen."11 Diese für die Juden nicht schmeichelhafte Vorstellung hinderte die christlichen Gelehrten nicht, sich mit der jüdischen Anschauung von der Endzeit auseinanderzusetzen. So erzählt Johann Marignola, ein weitgereister italienischer Franziskaner, den Karl IV. im Jahre 1354 mit der Abfassung einer böhmischen Geschichte beauftragt hatte, in dieser Chronik jüdische Legenden. In Anspielung auf die jüdische Alexanderlegende sagt er: Der zweite Tempel war nicht darum ruhmreich, weil der große Alexander ihn betrat, wie es die Juden falsch und lügenhaft erklären,12 sondern darum, weil Christus ihn betreten hat.13 In Bezug auf den jüdischen Glauben an den dritten Tempel, den der Talmud prophezeit (vgl. Anm. 10), sagt Marignola: Der dritte Tempel wird darum keine Glorie haben, weil die Juden in dieser Welt niemals einen dritten Tempel haben werden. Die jüdischen Doktoren wollen die Glorie ihres dritten Tempels dadurch beweisen, daß Jakob die Treppe zum Himmel sah. Aber die Treppe interpretiert Marignola als „die Wohnung Gottes, die Pforte des Himmels". Die jüdischen Doktoren selbst deuten ja die Wohnung Gottes auf den salomonischen Tempel. Daher kann die 4 4