Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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handelt sich in diesem Aufsatz im wesentlichen nur um die Einstellung der Hussiten zur Judenfrage, also um ein geistesgeschichtliches Problem. In Verbindung damit soll aber auch das schon mehrfach erörterte6 praktische Verhalten der Hussiten zu den Juden, soweit die Quellen uns darüber Auskunft geben, dargestellt werden. Die Einstellung der christlichen Umwelt zu den Juden ist während des Mittelalters grundsätzlich anders als zur Hussitenzeit. Um diesen Unterschied ermessen zu können, muß zuerst die vorhussitische, mittelalterliche Auffassung dargelegt werden. Ein hervorragendes und zugleich sehr anschauliches Zeugnis der mittelalterlichen Stellung zu den Juden bietet die Velislavbibel, die kurz vor der Mitte des XIV. Jahrhunderts entstanden ist.7 Sie erzählt nicht in Worten, sondern in Bildern von hervorragendem künstlerischen Wert die biblischen Erzählungen und einige Legenden, um auch die des Lesens Unkundigen mit dem Inhalt der Heiligen Schriften bekannt zu machen. Die meisten dieser Bilder werden durch kurze lateinische8 Überschriften erläutert. Ein Zyklus von 22 Bildern dieser Bibel behandelt das Leben des Antichrist. Der Antichrist beginnt seine verhängnisvolle Laufbahn bei den Juden in Jerusalem. Sein Wirken unter ihnen ist in den Bildern III bis VIII ausgemalt. Die Juden sind hier nicht durch „rassische Merkmale", sondern durch die damals vorgeschriebenen gelben, zuckerhutförmigen Judenhüte9 gekennzeichnet, mit Ausnahme eines Juden mit einer krummen Nase und offenem Mund. Die Überschrift des ersten Judenbildes läßt den Antichrist sprechen: „Er wird ihnen sagen, daß er der ihnen verheißene Christus sei, und darum wird das jüdische Volk ihm ganz besonders anhängen." Auf dem Bilde strecken die Juden empfangend die Hände zum Antichrist hin. Das vierte Bild ist besonders hübsch; es stellt dar, wie der Antichrist sich von den Juden beschneiden läßt, „um ihr Gesetz zu bestätigen". Nachdem der Antichrist durch diesen uralten Ritus, der die mittelalterliche Phantasie besonders fesselte, ein Jude geworden sein wird, wird er predigen, „daß das Neue Testament lasterhaft ist und wird das Gesetz Christi, soweit er kann, zerstören". Die Juden „trinken seine Worte", wie ein alter, dem bildhaften Denken entstammender Ausdruck sagt. Diese für das Mittelalter charakteristische Denkform wird durch die Bildersprache der Velislavbibel besonders anschaulich: die Predigt wächst dem Antichrist als Rolle aus dem Mund, und ein Jude in der vordersten Reihe berührt diese Rolle. Die Juden nehmen also die teuflische Predigt des Antichrist willig auf und werden sie in die ganze Welt tragen. Im sechsten Bild setzt der Antichrist seine Predigt fort und fügt hinzu, daß es „vor ihm keinen Christus gegeben habe, sondern daß alle (vermeintlichen Guten, besonders Christus) Antichristen gewesen seien". Das siebente Bild zeigt, wie die Juden diese 3- 3