Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 8 (1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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allegorischen Auslegung8 eines alttestamentarischen Verses entstanden. Der Vers stammt aus dem Jakobsegen und lautet: „Dan wird eine Schlange werden auf dem Wege und eine Otter auf dem Steige, und das Pferd in die Fersen beißen, daß sein Reiter zurückfalle." (Gen. 49, 17.) Dieser Auffassung steht diametral eine andere Tradition gegenüber, die annimmt, daß die Juden sich in der Endzeit bekehren werden.4 Das Mittelalter sucht und findet immerfort Symptome für den Beginn der Endzeit. Und ebenso sucht und findet es Anzeichen für die unentbehrliche Voraussetzung der Endzeit, für die Ankunft des Antichrist. Die Bekehrung der Juden war ein Symptom, dem man große Bedeutung beigemessen hat,5 auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die christlichen Theologen glaubten nämlich, daß der Wucher nur eine Folge der jüdischen Bosheit sei und mit ihr verschwinden werde. Eine dritte Richtung teilt die Juden in zwei Gruppen; die eine Gruppe wird dem Antichrist helfen, die andere wird sich bekehren. Alle drei Anschauungen stimmen darin überein, daß sie den Juden eine wesentliche Bedeutung in der Endzeit zuweisen. Dies mag dadurch zu erklären sein, daß die Juden „aus den Ersten die Letzten" geworden sind, wie es in der scholastischen Ausdrucksweise heißt, und daß durch diese vollständige Umkehr die religiöse Phantasie angeregt wurde. Man glaubte, daß die Juden bei der radikalen Änderung, die man von der Endzeit erwartete, abermals eine extreme Stellung einnehmen würden. Die Endzeit stand im späten Mittelalter im Mittelpunkt des Interesses. Alles, was damit in Berührung steht, ist von Bedeutung. In diesem Zusammenhang sprechen die Quellen am liebsten von den Juden. Über die verachteten Juden der Gegenwart verlieren sie dagegen nur selten ein Wort. Nur dann, wenn ihr Interesse für aktuelle theologische Fragen — dies war z. B. die Vorstellung von der Endzeit und auch die konsequente Ablehnung der Verehrung von Heiligenbildern — durch die Argumentation der jüdischen Gelehrten ihrer Zeit berührt wurde oder bei wirtschaftlichen Fragen machen sie hiervon eine Ausnahme. Gerade für die letzteren finden sich leider nur wenig Quellen. Um die Stellung der damaligen Zeit zu den Juden kennen zu lernen, ist es also vielfach notwendig, den Umweg über die Endzeitvorstellung zu nehmen. Die endzeitliche Vorstellungswelt ist im Böhmen des XIV. und noch mehr in dem des XV. Jahrhunderts lebendig. Böhmen war im XIV. Jahrhundert das geistige Zentrum von Mitteleuropa. Hier bekamen diese Spekulationen eine eindeutige Form, die vielfach auch außerhalb von Böhmen maßgebend wurde. Um die Stellung der vorhussitischen und hussitischen Zeit zu den Juden zu erfahren, müssen wir uns nun des angedeuteten Umwegs bedienen. Dadurch gewinnen wir ein äußerst anschauliches Bild von der Einstellung gegenüber den Juden, — denn es 2 2