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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1935-01-01 · 7 (1935) · page 368

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
7 (1935)
Date
1935-01-01
Page
– (sequence 368)
Language
German
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Beide lauteten ablehnend. Beide Zensoren wiesen auf die leidenschaftliche Tendenz des Buches hin, das sich in heftigen und scharfen Worten gegen die Rabbiner wandte. Dittrich strich daher auf dem Titelblatt den Namen des Autors und ersetzte ihn durch die anonyme Bezeichnung „Vorkommende", angeblich um Beer vor noch größerem Hasse der Prager jüdischen Unterschicht und weniger gebildeter Rabbiner zu schützen, mit dem Bemerken, sie würden kaum geneigt sein, ein Rezept von einem so verhaßten Arzte entgegenzunehmen. Noch entschiedener klang das völlig ablehnende Gutachten Eichlers, demzufolge ein Zensor, der diese Schrift Beers passieren ließe, den Vorwurf der Unhumanität und Parteilichkeit verdienen müßte, da das Buch erfüllt sei von unhumanen Ausfällen, groben Ausdrücken, verletzenden Vergleichen, beißenden Anekdoten und erbitterten Anzüglichkeiten, die durchwegs auf die Rabbiner gemünzt seien. So könne man nach Eichlers Meinung den Irrenden nicht den rechten Weg weisen, die Animosität führe hier nicht zum Ziel, ein friedlicherer Ton würde besser wirken. Beer wollte in dieser Schrift zeigen, die Juden müßten sich eine andere Bildung aneignen, falls sie eine bessere Stellung im Staat erlangen wollten, sie müßten sich von den Talmudisten und rabbinischen Lehrern, Gesetzen und Gebräuchen freimachen und dürften sich nur nach der Moral des mosaischen Gesetzes richten. Er zeigte die Falschheit, die Torheit, den Aberglauben, die Überspanntheit, die Lächerlichkeit und Schädlichkeit des talmudischen und rabbinischen Systems auf und schilderte das mosaische Gesetz in seiner Reinheit. Er revoltierte gegen die schädliche Autorität der Talmudisten und Rabbiner, die er als die unwissendsten, böswilligsten und schlechtesten Menschen von der Welt hinstellte. Eichler verwies auf die tatsächliche Autorität, der sich bei der Prager Judenschaft die Rabbiner erfreuten, wie eben damals das feierliche Leichenbegängnis eines angesehenen Rabbiners in Prag gezeigt hatte, hinter dessen Sarge über tausend Juden jeden Alters und Standes schritten, und er war überzeugt, Beer werde an dieser Tatsache mit seiner Schrift nichts ändern, sondern im Gegenteü Unruhen, Spaltungen, Erbitterung und Unzufriedenheit hervorrufen. Er machte geltend, bisher lasse sich der Talmudismus und der Rabbinismus durch nichts anderes ersetzen, das Niveau der Juden in Böhmen liege noch nicht so hoch wie z. B. in Deutschland, für ein Buch ä la Beer sei daher noch nicht die Zeit gekommen, denn diese Schrift wolle mit einem Schlage das alte Gebäude früher niederreißen, bevor ein neues aufgebaut sei. Nach des Zensors Überzeugung würde dies auch für die Regierung unangenehme Folgen haben, wenn diese Beersche Fackel anstatt eines wohltätigen Lichtes einen verheerenden Brand verbreiten sollte. Eichler gedachte hier der Prager Judenunruhen v. J. 1800, die von der Prager Stadthauptmannschaft nur mit Mühe gedämpft worden waren. Ohne die lobenswerte Absicht des Autors und die Notwendigkeit der Beseitigung des jüdischen Separatismus zu verkennen, schloß Eichler sein Gutachten mit der Überzeugung, für dieses Endziel sei vonseiten der Regierung schon mancherlei Vernünftiges geschehen und geschehe auch weiterhin, Beers Schrift aber sei für die Drucklegung ganz und gar ungeeignet. In Erfüllung seiner Zensorpflicht brachte auch Eichler im Manuskript zahlreiche Streichungen an und versuchte namentlich die starken Ausdrücke des Autors zu mildern. Ablehnend fiel zuguterletzt auch das Votum der Wiener Zensur aus: sie war nur dann geneigt, Beers Schrift passieren zu lassen, wenn der Autor sie umarbeite und vor allen Dingen ihren haßerfüllten Ton dämpfe. Beer trug jedoch dieser Forderung nur zum Teile Rechnung. Er ließ in der Handschrift einige Stellen entsprechend den Zensurstrichen weg, milderte aber den leidenschaftlichen Ton seiner Studie keineswegs und legte im Juni 1822 das verbesserte Manuskript wiederum nicht in Prag, wie es die Zensurvorschriften verlangten, sondern unmittelbar in Wien unter dem neuen Titel: „Hüfsquellen zur religiösen und moralischen Organisation der Israeliten in den k. k. österreichischen Staaten" zur Zensur vor. Doch auch diesmal erlangte er die Approbation keineswegs. Sedlnicky sandte wiederum die Handschrift an Kolowrat mit der Entscheidung, in dieser Form könne sie nicht gedruckt werden. Und so legte anfangs April 1823 Beer dem Prager Gubernium schon die dritte Redaktion seiner Schrift 366

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