Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 319)
- Language
- German
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einer unmittelbaren Aufsicht der landesfürstlichen Behörden. Die starke Prager Judengemeinde wies so ziemlich das höchste Kulturniveau von allen Juden der österreichischen Länder auf und war schon seit dem 16. Jahrhundert durch ihre Talmudschule weithin bekannt, die manchmal auch als Universität bezeichnet wurde und deren guter Ruf der Prager Stadt zahlreiche jüdische Studierende zuführte, nicht bloß aus den österreichischen Ländern, sondern auch aus dem Reiche. Zu Anfang des 19. Jahrhundertes wurde zwar dieser Schule die Führung des Universitätstitels als unberechtigt behördlich untersagt, aber ihr Bestand war dadurch keineswegs bedroht — unter den damaligen Verhältnissen bildete das Studium an dieser Schule die einzige Möglichkeit, sich auf die Erlangung des Rabbinertitels vorzubereiten.1 Die Einseitigkeit dieser fachlichen Vorbildung, die sich im Wesen nur auf das eingehende Studium und die Erklärung des Talmud und dessen Kommentare beschränkte, mußte sich allerdings in einem verhältnismäßigen Bildungstiefstande der Rabbiner äußern, gegen die sich bald in den Kreisen der intelligenteren jüdischen Laienwelt eine Opposition bemerkbar machte, denn man erblickte in ihrer konservativen Orthodoxie die Hauptursache der kulturellen Rückständigkeit der breiten Massen der ärmeren Judenschaft, namentlich auf dem flachen Lande. Schon seit dem Anfange des 19. Jahrhundertes zeigen sich daher in der Prager Judengemeinde zwei Strömungen, die eine, die schwächere, mehr liberal und auch von einigen aufgeklärteren und gebildeteren Rabbinern unterstützt, und eine zweite streng orthodoxe und konservative, der die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, namentlich aus den mittleren und niedersten Schichten anhing. Die Frage der notwendigen Reform der Rabbinervorbildung verschwand jedoch nicht mehr vom Programm, auch die landesfürstlichen Behörden versprachen sich hievon eine Hebung des Gesamtniveaus der jüdischen Bevölkerung und eine Steigerung der Loyalität zum Staate und es bedurfte nur eines unmittelbaren Anstoßes , um über die Sache kronketere Verhandlungen einzuleiten .2 Die Veranlassung hiezu war Ende 1837 aus Deutschland gekommen. Der jüdische Prediger Dr. Ludwig Philippson, Redakteur der Leipziger „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", hatte der Nr. 88 dieser Zeitung vom 24. Oktober 1837 ein gedrucktes Flugblatt beigeschlossen, in welchem er sich an alle Juden in Deutschland mit der Aufforderung wandte, Beiträge zur Errichtung einer geplanten jüdisch-theologischen Fakultät und eines solchen Seminars in Deutschland zu zeichnen. Das Flugblatt machte alle Juden darauf aufmerksam, sie stünden am Anfange des Weges zu weiteren hohen Zielen, zu einer neuen Existenz, die allerdings sorgsam vorbereitet werden müsse. An der neuen jüdischen Fakultät sollte Hebräisch, Talmud, Rabbinismus, jüdische Religionsgeschichte, 317