Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 316)
- Language
- German
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bekannt, der stocktaub war, so daß ihm Fischer seine Mitteilungen mit Kreide oder noch lieber mit dem Finger auf den Tisch schreiben mußte, worauf der Alte in gleicher Weise oder auch mündlich antwortete. Als ihn einst Fischer allein daheim fand, zog der Alte einen deutschen Druck des Neuen Testamentes heraus und andere deutsche Bücher, die er hinter dem Bett verborgen hatte, und vertraute ihm an, daß er sie abends beim Lampenscheine lese, wenn Weib und Kinder schliefen. Da sah jedoch der Alte durch das Fenster seine Frau zurückkehren und er warf rasch alle Bücher wieder in das Versteck. Ende Oktober 1809 fragte Fischer einen informierten Juden, warum viele talentierte Juden so wenig wissenschaftlich arbeiteten, und die Antwort ging wieder dahin, daß die Rabbiner daran schuld seien, denn sie haßten jegliche Bildung und allen Fortschritt der Juden, da sie darin für die Religion und ihr Einkommen eine Schmälerung erblickten. Es herrscht bei uns leider noch viel Finsternis — sprach damals Fischers Gewährsmann —, aber es zeigen sich schon Strahlen des Lichtes, wiewohl die Rabbiner und ihre Helfer mit aller Macht bestrebt sind, die alten Vorurteile, Pedanterien und Torheiten zu erhalten; dabei kommen sie aber untereinander aus ihren gegenseitigen Streitigkeiten nicht heraus, die unersättlichem und überspanntem Ehrgeiz, Neid, Geldgier und dem daraus folgenden Streben, die Zahl ihrer Anhänger möglichst zu mehren, entspringen. Ihre Schriften sind daher nur dürres, leeres Stroh, überspannte Spitzfindigkeiten, die dem Geiste wenig Nahrung geben, und auch ihre Predigten sind recht lebensfern. Wandernde Rabbiner kommen nach Prag unter dem Vorwand von Besuchen, in Wirklichkeit aber nur, um Geld zu schneiden, produzieren hier ihre zusammengestoppelten Manuskripte, halten Honorarpredigten und unterschiedliche Besuche und werden dafür reichlich belohnt. Die einheimischen Rabbiner beratschlagen dann mit ihnen den Kampf gegen die Bildung und den Fortschritt der Juden. Mit dem gewonnenen Gelde kehren sie heim, kommen aber nach einigen Jahren in gleicher Absicht wieder. Sie sind unverträglich, benehmen sich unanständig gegen den gelehrten Moses Mendelssohn und seine ehrwürdigen Nachahmer, intrigieren gegen die deutsche Übersetzung der fünf Bücher Mosis, der Propheten und der Hagiographen, und das Zirkular des David Friedländer gegen die deutschen Juden zeigt ihre Unverträglichkeit im rechten Lichte. Als vor mehreren Jahren in Karlsbad der hervorragende jüdische Naturforscher Markus Bloch gestorben war, Mitglied unterschiedlicher gelehrter Gesellschaften, wollte ihm keiner von den anwesenden Rabbinern selbst nicht um Geld eine Grabrede halten, da sie ihn für einen Ketzer hielten. Die Rabbiner tun, was ihnen beliebt — fuhr Fischers jüdischer Gewährsmann fort —, die Regierung erfährt selten etwas von ihrem Treiben. So zum Beispiel, als jüngst 314