Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 7 (1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 314)
- Language
- German
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sie von allen Völkern in ihren religiösen Grundsätzen abweichen. Betreffs konkreter Fragen bemerkte das Präsidium, man solle den Wiener Zensor zur Verantwortung ziehen, daß er anstößige Stellen über Kruzifixe und Wandbilder durchgelassen habe. Fischer war freilich nicht gewillt, die gesamte hebräische religiöse Literatur und etwaige Entgleisungen von hebräischem Religionsfanatismus kritiklos in Schutz zu nehmen, aber er verfolgte während seiner langjährigen Zensurpraxis aufmerksam und kritisch die gesamte Entwicklung des jüdischen Kulturniveaus in Böhmen. Bereits ein Jahr nach dem erwähnten Gutachten, Ende Feber 1814, unterbreitete er dem Statthaltereipräsidium ein umfangreiches Elaborat, in welchem er es für angezeigt hielt, übersichtlich die Erfahrungen seiner fünfundzwanzigjährigen Zensurpraxis darzustellen .10 Gleich eingangs wies er darauf hin, die erschienenen Bibliographien hebräischer Bücher11 ließen die interessante Tatsache erkennen, die Anzahl der jüdischen Talmudkommentatoren überwiege bei weitem die Zahl der Arbeiten über die fünf Bücher Mosis, über die Bücher der Propheten und Hagiographen, über Liturgie, Dogmatik, Homiletik, Asketik und Polemik, und nur eine verschwindend kleine Zahl jüdischer Schriftsteller und Gelehrten widme sich dem Studium der Philosophie, Mathematik, Medizin, Geschichte, Geographie und anderer Wissenschaften. Dasselbe Verhältnis lasse sich an der Hand von Fischers Zensurprotokoll, das er bereits fünfundzwanzig Jahre führt, wie auch an der Hand der Liste seines Vorgängers P. Leopold Tirsch feststellen und nach dem Inhalte jüdischer Privatbibliotheken. Fischer hat den Juden schon wiederholt vorgehalten, weshalb sie überflüssigerweise immer neue Kommentare zum Talmud herausgeben, da er doch schon hinreichend erklärt sei, und weshalb sie ihn immer wieder von neuem exzerpieren , bald von zivil-, kriminal-, bald vom finanzrechtlichen oder einem andern Gesichtspunkt, da sie sich doch nach ihrer Vertreibung und Zerstreuung nach den Gesetzen jener Staaten richten müßten, in denen sie aus Gnaden geduldet würden. Er hat ihnen geraten und zugeredet, ihre Talente nützlicher anzuwenden, wie dies ihre Glaubensgenossen zu Berlin, Dessau, Rödelheim und anderswo tun, die ihre alten Vorurteile abgelegt haben und deren Studien auf verschiedenen Wissensgebieten auch von Christen mit Beifall aufgenommen und quittiert werden. Doch alle diese Ermahnungen und Aufmunterungen verfehlten bei den Anhängern der rabbinistischen Partei ihre Wirkung. Einzelne junge Juden ließen allerdings teils aus eigener Initiative, teils auf Fischers Veranlassung nützliche Werke erscheinen in der Absicht, der Ungeschliffenheit ihres Volkes einen besseren Anstrich zu geben. So gab im Jahre 1794 Josef Kohn Piwara ein Lehrbuch der Geometrie mit Tabellen heraus, im Jahre 1796 veröffentlichte Peter Beer, Normalschullehrer in Neu- 312