Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 428)
- Language
- German
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Brief ihm abriet, unter den jetzigen Verhältnissen in die Schweiz zu gehen. Doch fällt mein Rat bei ihm gewöhnlich auf sehr unfruchtbaren Boden. In meinem nächsten Brief an ihn werde ich Ihrer gedenken. - Hier ist es schon ziemlich voll, aber ich fliehe die Pest der Brunnengäste und kümmere mich nicht um fremde sondern bloß um eigene Stuhlgänge. Hochachtungsvoll der Ihrige Meißner. Adr.: Herrn Doktor Kapper in Franzensbad. Schwalbach, 11. Juni 1853. Mein guter, alter Siegfried! Er gehörte zu den großen Überraschungen meines Lebens, der Moment, in welchem ich, einen Brief meiner Eltern öffnend, Deine Verlobungsanzeige fand. Rasch, sehr rasch ist es gegangen, lieber Freund, aber eben darum will ich glauben, daß Du Vorzüge fandest, die Dich rasch und unwiderstehlich in Brand steckten und denen nicht zu widerstehen war. Nimm, guter Alter, meine besten Wünsche! Die Ehe ist eine Lotterie, mögest Du unter den Glücklichen sein, welche gewinnen und bis ans Ende ihres Lebens dieses Institut segnen. Ist das Mädchen so, wie ich mir sie denke, gebildet, lebhaft, mit Sinn für die Poesie und die Bildung ausgestattet, nicht eben schön - (ich meine blendend: schön,) aber interessant, immer neu anregend, dabei reich, mindestens vermögend, so nimm meinen Segen hin und meine Einwilligung! Verschließet dem alten Junggesellen, wenn er auf seinen Irrzügen zuweilen bei Euch einkehrt, die Tür Eueres Hauses nicht, ja gewährt ihm den Platz der Teemaschine gegenüber, bis das Beispiel Eures Glücks auch ihn bekehrt und er am Ende ein Nachbarhaus gründet. Es ist ja beinahe nichts unmöglich auf der Erde. Indes Du, teurer Alter, für das ganze Leben lang wirktest und unzerreißbare Bündnisse schlössest, lebte Dein Freund für die Stunde, und verbrachte im nüchternen Gotha eine gar romantische Zeit. Ich glaube in einem Gothaer Brief die himmlische Rosalie erwähnt zu haben, in einer Periode, wo sie mir noch ein fernes, unerreichbares Traumbild war. Ach! kann ein Mensch in meinen Jahren noch so rasen, so viel Unsinn begehen, als ich um ihretwillen seitdem begangen habe, um eines Weibes willen Hals und Knochen riskieren, wie ich getan? In der Stille des Frühmorgens stieg Dein Freund auf einer unsicheren Leiter vom zweiten Stock herab, und das nicht einmal, vielleicht zwanzigmal! Und der rasende Nachtwächter, der aus dem Dunkel hervorstürzt, der alte Musikus im Hinterhause, der unglücklicher Weise noch beim Komponieren sitzt und ein Gespenst gesehen zu haben glaubt und dadurch das Haus in Aufruhr bringt! Wenn ich Dir einst dies alles erzähle , wirst Du manches Romankapitel zu hören glauben. Dazwischen schlang sich noch eine andere Geschichte. Auch nach Gotha so wenig hingehörend, wie eine Palme, eine Geschichte türkischer Eifersucht und Rache - doch dies alles taugt wenig für Briefe; ich will Dirs einmal erzählen, wenn wir allein beisammen sitzen, nachdem Deine Frau zu Bett gegangen. Kurz, meine Gothaer Zeit heißt im Buch meines Lebens die Zeit der Abenteuer. So verlängerte sich meine Anwesenheit dort von Woche zu Woche. Blick ich zurück, muß ich sagen: es ist charmant gewesen. Ich verließ endlich Gotha, nachdem ich dort viele Bekanntschaften gemacht, glaube aber nicht, dort die Reputation einer ethisch-strengen Persönlichkeit zurückgelassen zu haben. Seit acht Tagen bin ich nun in Schwalbach. Brauche die Kur ein wenig, trotzdem mir nichts fehlt. Aber der Ort ist langweilig, ich will in vier bis fünf Tagen wieder weiter, und falls Österreichs Verhältnis zur Schweiz sich nicht verschlimmert, nach Vernex oder Vevay gehen und dort den Sommer über bleiben. Daß ich in den ersten Wochen in Gotha eine Art Roman zu Ende gebracht, habe ich Dir schon geschrieben. Er heißt: „Am Stein"67 und wird doch bei Grunow 417