Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 427)
- Language
- German
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Gotha, 23. April 53. Mein lieber Siegfried! In der Ungewißheit, wohin ich Dir schreiben soll, adressiere ich diesen Brief an die Herren Katz ,6* die gewiß Deinen Aufenthaltsort wissen. Ich hätte Dir längst schon von Prag aus für Deinen lieben Brief danken sollen, aber Du kennst Deinen saumseligen Freund! Ich wollte den Tag abwarten, wo ich Dir ein sicheres Rendezvous irgendwo angeben könne, und von Woche zu Woche wollte der Paß nicht kommen, bis er plötzlich kam und ich Tags darauf abreiste. Nun habe ich frierend eine unangenehme Reise gemacht, bin in Dresden und Leipzig bei strömendem Regen angekommen und habe von Meßdrehorgeln, Messewohnungen und Messefeierstimmen viel ausstehen müssen. In Leipzig wollte mir der Hausknecht, der Vielbeschäftigte, sogar die Stiefel nicht wichsen und behauptete, ich könne sie ja schmutzig in die Überschuhe hineinstecken, da er sie ein wenig in meinem Lavoir abwaschen wolle. Grunow62 war beinahe ebenso beschäftigt, und ergoß sich in Lamentationen. Nun habe ich in der Zweichenzeit, seit wir uns nicht gesehen, eine Art kleinen Roman geschrieben; ich habe ihm diesen angeboten, aber von ihm ein Anbot erhalten, daß ich nicht annehmen konnte. Wir stehen noch in Unterhandlung darüber. Jedoch bin ich auf dem Punkte, wo mir das Bündnis mit dieser elegischen Natur recht lästig erscheint, und ich glaube, daß ich bald, wie auch Du gethan, ihm den Rücken kehren werde. Seit einer Woche bin ich in Gotha, in einem Zimmer mit Hedrich. Der Ort hat zwar sehr wenig Reitze, aber das abscheuliche Wetter macht alle Reisepläne zunichte und es ist wohl das beste, daß ich das Eintreten besserer Witterung hier abwarte, wo ich im Zusammensein mit dem Freunde den Regen und Frost weniger empfinde. Als ich ankam, traf ich noch Haase63 hier an, der dreimal hier gastgespielt hatte. Er sagte, Dingelstedtß* habe ihm zugesichert, der [unleserlich] werde eine seiner ersten Rollen in München sein; jedenfalls in den ersten Tagen des Mai. Für diesen Fall ginge ich auf einige Tage nach München. Wohin dann? ist noch die Frage. Entweder ins Gebirge wie im vorigen Jahre oder nach Paris. Ich habe in der letzten Zeit viel gearbeitet, und habe jetzt eben wieder eine Arbeit vor mir, die ich rasch vollenden zu können glaube. Bist Du noch in Berlin? Ich bin sehr neugierig zu hören, was Du dort gesehen und erfahren. Bis Ende April, vielleicht bis 5. Mai bleibe ich hier. Könntest Du nicht auf dem Rückweg Gotha berühren und einige Tage mit uns verleben. Du wirst dabei die Bekanntschaft der schönen Rosalie machen, die allein schon eine Reise verlohnt. Schreibe bald, lieber Leidensbruder; ich sage das, weil wir so lange in Prag leben mußten. Ich atme ganz anders, seit ich aus diesem melancholischen Ort weg bin, und denke so bald nicht wieder dahin zurückzukehren. Falls ich mich nicht mit Grunow einigen kann, so will ich auch an Katz schreiben. Oder soll ichs mit Dunker versuchen? Vielleicht sprechen wir mündlich über alles dies. Ich hoffe zuversichtlich, daß wir uns hier wiedersehen, und sage Dir somit, wie ich glaube, nur auf ganz kurze Zeit Lebewohl! Herzlichst der Deine Meißner. Adresse: Herrn Dr. Siegfr. Kapper, in Dessau. Abzugeben in der Verlagsbuchhandlung der Herren Gebrüder Katz. Karlsbad, 4. Juni 1853. Verehrter Herr Kollege!^ Ihr Brief an Alfred mochte einige Tage vor mir hier angekommen sein; ich fand ihn hier und sandte ihn den nächsten Tag nach Gotha. Von dort wollte er d. 31. nach Schwalbachß* auf mindestens 14 Tage gehen, und sollte heute da ankommen. Wo er sodann hingehen wird, weiß ich nicht, umso minder, da ich in meinem letzten 416