Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 408)
- Language
- German
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erhielt am Ende des Schuljahres etliche zweite Klassen. Tief gekränkt hierüber, beschloß mein Vater, mich ein Handwerk lernen zu lassen, und gab mich zu einem Schuster, der zugleich Todtengräber war, in die Lehre. Als jedoch das Schuljahr wieder begann, erlaubte er mir, zu den Studien zurückzukehren, die ich nun auch wirklich mit regerem Eifer begann. Bald entschied sich meine Vorliebe für das Studium der lateinischen und griechischen Klassiker, und angeregt durch die gleichstrebenden Mitschüler J. P. Jordan und Eberhard Jonak,2 rang ich mit diesen bald um den Preis bei stilistischen Uibungen. Mit Vorliebe pflegte dieses Streben namentlich Professor Zimmermann, selbst Poet. Ich schrieb im Jahre 1835 eine Tragödie „Nisus und Euryalus", ein didaktisches Gedicht „Tempe" und übersetzte die Iphigenie Goethes in lateinischen Versen. Im Jahre 1837 trat ich in die Philosophie. Da bis dahin die Familie meiner Eltern sehr zahlreich geworden war, und meine Studien sie sehr viel gekostet hatten, mußte ich selbst zu erwerben anfangen. Alle Zeit, die ich außer den Schulstunden erübrigen konnte, mußte ich dem Unterrichte eines Haufens kleiner Judenknaben zuwenden. So blieb mir nur die Nacht zum Studieren und der Weg vom Hause zum Clementinum und zurück zum Versemachen. An Sonn- und Ferialtagen schrieb ich Dramen. Eine Karrikatur, die ich über eine Familie, mit der wir in Freundschaft lebten, entwarf, zog mir die Verklagung bei dem Kreuzherrenprior Dr. Beer, der Direktor der phüosophischen Studien war, und infolgedessen eine admonitio gravis zu, die mich bemüßigte, aus der Schule auszubleiben. Im Herbste des Jahres 1837 ging ich nach Wien, um hier weiter zu studieren. Unbeholfen und ohne Freunde, kehrte ich bald wieder nach Prag zurück und absolvierte daselbst die philosophischen Studien mit sehr vielem Fleiße. Ich wollte Jus studieren. Da jedoch mein Vater fürchtete, daß ich als Israelit in diesem Fache mein Fortkommen nicht finden möchte, bestimmte er mich, Medizin zu studieren. Ich trat nun wohl in die Medizin ein, mußte jedoch so viele Stunden des Tages Privatunterricht ertheilen, daß ich am Ende des Jahres zur Uiberzeugung gelangte, ein Jahr meiner Jugend der Nothdurft anstatt der Wissenschaft geopfert zu haben. Auf gleiche Weise verging mir das nächste Jahr, während dessen ich eine durch Moritz Hartmanns Austritt erledigte Hofmeisterstelle bekleidete . Im Jahre 1838, gleichzeitig mit Moritz Hartmann, Alfred Meißner und Friedrich Bach ließ ich meine ersten Gedichte in der Zeitschrift „Ost und West" drucken. Sie wurden in vielen deutschen Blättern nachgedruckt. Im Herbste 1841 ging ich wieder nach Wien und blieb nunmehr da, bis ich die medizinisch-chirurgischen Studien mit dem August 1846 beendigt hatte. Unter dem Dekanate Feuchterslebens promovierte ich am 2. Januar 1847 zum Doktor der Medizin. Schon am 1. Mai desselben Jahres verließ ich wieder Wien, um einem Rufe als homöopathischer Arzt nach Karlstadt in Kroatien zu folgen, woselbst ich bis zum 6. Februar 1848 blieb. Am 20. Februar kam ich, nachdem ich das Küstenland und das Venezianische gesehen, nach Wien zurück, und habe seither hier meinen Wohnsitz als praktischer Arzt (namentlich Kinderarzt).2* Erschienen sind von mir im Jahre 1844 „Slavische Melodien", Leipzig, Einhorn, im Jahre 1846 „Cesk6 Listy", Prag, bei Calve, Gedichte in böhmischer Sprache, die dem Vereine des böhmischen Museums zur Preiszuerkennung vorgeschlagen waren, im Jahre 1847 „Die Constantinsquelle zu Gleichenberg44, eine Inauguralschrift, im Jahre 1848 „Befreite Lieder44 bei Jasper, Hagel und Manz in Wien. Außerdem zerstreut in Taschenbüchern Gedichte und jüdische Sagen, dann eine gelungene Uibersetzung des großen Gedichtes „Mai44 von dem jung verstorbenen cechischen Dichter Macha. Im Manuskript liegt fertig „Knez Lazar44, nach serbischen Heldenliedern, ein episches Gedicht, dessen Stoff das tragische Ende des großserbischen Kaiserthrons durch Murad und Bajezitsch ist. Die slavische Dichtung ist mir von Jugend an eigen, und hervorgerufen durch die tausend und tausend Lieder, die ich in meiner Kindheit hörte und auswendig behielt. 397