Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 398)
- Language
- German
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ganzen Aktenmaterials des Eindruckes nicht erwehren, daß Kapper durch sein Verhalten gar oft Veranlassung zu Mißliebigkeit gab. Wir glaubten, an diesen menschlichen Schwächen im Wesen Kappers nicht vorübergehen zu dürfen. Unsere Hauptaufgabe aber war, sein schriftstellerisches Schaffen zu beurteilen. Wir zeigten, welche Verdienste sich Siegfried Kapper sowohl durch die Zahl der Publikationen wie auch durch ihre Qualität um die deutsche und tschechische Literatur erwarb, daß er als Reiseschriftsteller, Romancier und Dichter Werke schuf, denen zu ihrer Zeit die Achtung nicht versagt wurde, und daß ihm in dem kleinen Sektor: die deutsche und tschechische Literatur in ihren Beziehungen zum Südslaventum, sogar eine überragende Stellung gebührt. Wenn wir Kappers Werk überblicken, werden wir ferner nicht umhin können, es als eine Synthese deutschen, tschechischen und jüdischen Denkens und Fühlens zu bezeichnen. Deutsch erzogen und gebildet, aber auch mit der tschechischen Sprache und Kultur vertraut und im Besitze jüdischen Wissens, wurde Kapper vornehmlich deutscher Schriftsteller. Als junger Mann von 24 Jahren rang er sich zum tschechischen Nationalbewußtsein durch, das so stark wurde, daß es einen Band tschechischer Gedichte als Frucht zeitigte. Von Havlicek brüskiert, stellte Kapper seine Tätigkeit als tschechischer Schriftsteller ein, ohne jedoch sein Zugehörigkeitsgefühl zum tschechischen Volk jemals zu leugnen. War es auch zeitweise, z. B. im Jahre 1848, stark abgeschwächt, so wurde es in den folgenden Jahren, wo ihn slavische Arbeiten voll und ganz beschäftigten, immer intensiver. In Jungbunzlau und Prag fühlte sich Kapper, wie wir sahen, wieder ganz als Tscheche und er kehrte auch wieder zur tschechischen Schriftstellerei zurück, ohne jedoch die deutsche aufzugeben. Das Verhältnis seiner deutschen und tschechischen Bücher beträgt 16:4 (bei einem Vergleich der deutschen und tschechischen Aufsätze würde sich das Verhältnis nach der deutschen Seite noch weit mehr verschieben). Nicht zu übersehen ist die jüdische Komponente in Kappers Wesen. Sie kommt auch in seinem Schaffen deutlich zum Ausdruck. Obgleich er ungläubig war und in späteren Jahren nie eine Synagoge besuchte, obgleich er mit seinen Glaubensgenossen, zumal in Jungbunzlau und Prag, in ewigem Streit lebte, war er dennoch erfüllt von einem starken jüdischen Bewußtsein. Diesem und der Liebe zum Judentum verlieh er in den zahlreichen Judengestalten seiner Werke beredten Ausdruck. Wie ein roter Faden ziehen sich die jüdischen Motive von den „Ceske listy" über die Ghettogeschichten, die Romane „Herzel und seine Freunde" und „Falk", die Reisebücher „Südslavische Wanderungen" und „Christen und Türken" bis zum Roman „Die Glockenstürmer von Komotau". Herzel, Falk und der Hausierer Itzig Löbel sind Gestalten, die ein mit dem Judentum Zerfallener nie hätte hervorbringen können. 387