Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 396)
- Language
- German
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der Volkslieder und der Tradition ein legendarisches Montenegro geschaffen hätten, das in Wirklichkeit das Türkenjoch nie getragen habe. Im Anhang zu seinem Buch201 druckte Krejci Kappers deutsche Ausgabe der „Gusle", die „Historischen Volkslieder des Montenegriner" ab, die lange vor der tschechischen Ausgabe entstanden, aber bis auf zwei Proben202 nicht zur Veröffentlichung gelangt waren. Von hohem literarischen Wert ist Kappers kleines Büchlein „Küstenländische Märchen" („Primorske pohädky").203 Der Verfasser gibt darin einige Proben aus dem herrlichen Märchenschatz der Dalmatiner. Der hohe sittliche Gehalt der Erzählungen, ihr fesselnder Inhalt, die prachtvolle Schilderung des Meeres, die Beschreibung des Lebens der Fischer sind die auffallendsten Vorzüge dieser kleinen Kunstwerke, die wir den Märchen von Erben und der Bozena Nemcova ruhig an die Seite stellen dürfen ,204 Das Büchlein enthält im ganzen vier Erzählungen. In der ersten „Dozesna Zorka" ist von einem hochmütigen Dogenfräulein die Rede, das seine Freier so lange zurückwies, bis der Tod kam, der sich nicht abweisen ließ. Eine andere Erzählung handelt von Ljuborad, der seiner Vergeßlichkeit wegen Zaboravilac genannt wurde und aus eben diesem Grunde lange keine Frau bekommen konnte, bis er sich schließlich mit Nelagana, der Prinzessin von Saloniki vermählte. Bedeutender als diese beiden Märchen sind „Talas" und „Der Schlaf (Spani). Jenes führt den Namen nach dem Beherrscher des Meeres Talas (nach dem griechischen „thalassa"). Um zu zeigen, daß nichts auf der Welt so schwierig ist wie das Schweigen, erzählt eine Großmutter die Geschichte eines Mädchens, das seiner Geschwätzigkeit wegen von Talas in einen Fisch verwandelt wurde. Das andere Märchen, eine schöne Rahmengeschichte, soll den großen Wert des Schlafes für den Menschen beweisen. Der Fischer Peter Roganovic ist so arm, daß er nicht den kleinen Betrag aufbringen kann, um sich mit seinem Liebchen Jagoda trauen zu lassen. Da findet er im Meer eine aus dem einst untergegangenen Schiff „Heliogabal" stammende Kiste, in der sich verschiedene Aufzeichnungen befinden. Er bringt sie ins Museum nach Ragusa und bekommt dafür 10 Dukaten. Nun ist er ein gemachter Mann. Zu Hause angekommen , schläft er vor Müdigkeit ein. Jagoda will ihn wecken, aber Tante Jefemia läßt es nicht zu und sagt, es sei unverantwortlich, dreierlei Dinge dem Menschen zu rauben: das Brot, die Ehre und den Schlaf. Und nun erzählt sie Jagoda das Märchen von einem Getreidehändler, der so viele Güter besaß, daß er der reichste Mann der Welt war. Trotzdem war er unglücklich, weil er keinen Schlaf fand. Da kam er einmal zu einem Bauer auf die Tenne, der ihm einen Dreschflegel in die Hand drückte, damit er ihm helfe. Die Nacht darauf ward ihm auf einem Bündel Stroh der köstlichste Schlaf zuteil. 385