Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 365)
- Language
- German
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Die Gestalt Herzeis ist es, die dem Buch den Charakter der Ghettogeschichte verleiht. Als Volksschüler hatte er durch seine Kameraden sehr zu leiden und der rohe Lehrer Holub erteilte dem unschuldigen Judenknaben auf die Anzeige eines anderen Knaben hin einen schmerzhaften „Pardus". Beim Eintritt ins Gymnasium erfuhr er vom Präfekten eine schwere Demütigung. Er hungerte sich durch, studierte brav und verließ das Gymnasium als Vorzugsschüler. Das bedeutete für einen Juden, dem man es damals nicht gerade leicht machte, sehr viel. In Prag führte er das Leben eines armen, auf sich selbst gestellten jüdischen Studenten. Um den notwendigsten Unterhalt zu verdienen, mußte er sich mit den drei Kindern der Frau Behle Zadikens abplagen; dabei kam er aber seinen Schulpflichten vollends nach. Die Prüfung beim gefürchteten Professor Ladislaus bestand er ausgezeichnet. Er wurde Mediziner, weil ihm als Juden eigentlich keine andere Wahl übrig blieb, und vertauschte seine Stellung bei Frau Zadikens mit der beim reichen Geschmeidewarenhändler M(autner), wo ihm der Unterricht von nicht weniger als fünf Kindern übertragen wurde. Trotzdem gelang es ihm, seine Studien abzuschließen. Er wurde Landarzt in der Heimat eines seiner Freunde. Der zweite Teil des Buches widmet der Beschreibung des Ghettos und der Schilderung des Lebens im Ghetto einen so weiten Raum, daß wir es mit Fug und Recht in die Reihe der „Ghettogeschichten" einreihen können. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Kappers Roman sehr viel autobiographisches Material enthält, daß vielfach Verhältnisse aus Kappers unmittelbarster Umgebung dargestellt werden. Es ist aber schwer, hier Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten, und wollte man aus dem Roman gewisse Angaben als Tatsachen herausschälen, so wäre das ein gefährliches Beginnen. In dem Tmavitzer Professor Mudrtz werden wir leicht Kappers Professor aus den Grammatikaiklassen Johann Pospisil erkennen, hinter Wenzeslavsky dürfte sich entweder Professor Vaclav Svoboda oder Professor Zimmermann verbergen. Daß unter dem Philosophieprofessor Ladislaus niemand anderer als Professor Ladislaus Jandera gemeint sein kann, ist ganz klar. Ebenso, daß Kapper bei Herzeis Unterricht in der Familie M. auf seine eigene Lehrtätigkeit bei Mautners anspielt. Was die Studenten betrifft, so trägt Herzel die Züge Kappers. Was von seinen Freunden erzählt wird, paßt zum Teil auf Moritz Hartmann, zum Teil auf Alfred Meißner, welch letzterem das Buch auch gewidmet ist. In dem zweiten Roman „Falk. Eine Erzählung"111 schildert Kapper das Leben einer jüdischen Familie auf dem Lande. Auch hier steht der jüdische Hauslehrer im Mittelpunkt der Handlung. Die Tendenz des Romanes ist gegen die Art und Weise gerichtet, wie jüdische Ehen geschlossen werden. 854