Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 362)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2644300-2644315--2766-2647112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
unbezwingbarem Jubel, es war ein Augenblick, wie sie die Geschichte nicht viele hat... Ich bin zu erregt, um Ihnen ordentlich zu schreiben, nehmen Sie dieses nur als Notiz, ich schreibe Ihnen vielleicht morgen ausführlicher" (4. April 1848) oder: „Ich schließe heute mein Schreiben, weil der Eindruck des heutigen Morgens, unter dem ich jetzt ganz niedergedrückt bin, nicht die Stimmung ist, in der ich mehr schreiben möchte" (25. November 1848). Kapper berichtete über politische Ereignisse, Tagesneuigkeiten, er gab Wiens Tagesgespräche wieder, schilderte die Volksstimmung, teilte die Nachrichten mit, die aus dem Auslande einliefen u. dgl. So spiegelt sich in seinen Berichten das Wiener Volksleben im Sturmjahr 1848 wieder. Die Berichte aus dem Reichsrat sind meistens unpersönlich, indem die Reden der Abgeordneten zwar nur auszugsweise, aber dennoch sehr ausführlich wiedergegeben werden. Selten sind Notizen, in denen Kapper zu den Parlamentsereignissen persönlich Stellung nimmt oder die Stimmung im Hause darstellt. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz, in denen er über Truppenbewegungen, die Cholera, die russische Armee, die Hinrichtungen der Insurgentenverbündeten u. ä. schreibt, sind spärlich, knapp und dürftig. Kapper rechtfertigt sich einmal mit der Bemerkung: „Vom nahen Kriegsschauplatz Verläßliches melden zu wollen, ist ohne Bekanntschaft mit den hohen Militärautoritäten oder Gefährdung persönlicher Freiheit schlechterdings beinahe unmöglich" (2. Juni 1849). Aus den Berichten im „Constitutionellen Blatt" geht Kappers linksdemokratische Einstellung klar hervor. Mit Rücksicht auf die gemäßigte Richtung der von ihm bedienten Zeitung mußte er sich aber gewisse Schranken auferlegen. Trotzdem lassen viele seiner Berichte an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Wir können es heute kaum verstehen, daß Kapper nach der Einnahme Wiens durch die Truppen von Windischgrätz unbehelligt blieb. Noch zur Zeit des Standrechtes, im November 1848, bediente er sich einer überaus scharfen Schreibweise, er urteilte abfällig über die Hinrichtungen und andere drakonische Maßnahmen der Justiz, schrieb gegen das Standrecht, ja er schrak selbst vor Angriffen auf General Windischgrätz und die Krone nicht zurück. „Wo ist hier Grundsatz? Was ist hier Recht, was Prinzip als eigenes Gutdünken und Willkür? Ich habe bereits einmal nachgewiesen, daß der Marschall als vorübergehende Gewalt durchaus nicht berechtigt sein kann, eine zeitumfassende Strafe zu diktieren, da sich seine Wirksamkeit unmöglich auf die Dauer der diktierten Straf jähre ermessen kann." Und weiter: „Wenn die Krone und ihre Räte, die das höchste Recht im Staate wenigstens repräsentieren sollen, den Begriff des Rechtes so arg zu verwirren beginnen, wer will dann im Volke noch wissen, was Recht ist und was Unrecht" (22. No- 351