Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 6 (1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 354)
- Language
- German
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Itzig Fidele, der in ihr Haus zu kommen pflegte, gelauscht habe. Aber auch später ließ er sich gerne Ghettogeschichten erzählen, wozu er im Prager Judenviertel reichlich Gelegenheit hatte. Kapper pflegte beide Gebiete der Ghettoliteratur, sowohl das phantastische Märchen wie auch die moderne Tendenznovelle. Seine erste uns bekannte Ghettoerzählung, „Der Rabbi und das graue Haus", erschien in Frankls „Sonntagsblättern" 1842, S. 248ff. Es ist jene Sage, die auch Vrchlick^s „Prvni rüze" und Jiräseks „Rabbi Low a smrt" zugrunde liegt. Ein Rabbi drang so tief in den Talmud ein, daß ihm selbst der Todesengel nichts anhaben konnte. Er forschte 250 Jahre, ohne zu schlafen und zu essen. Seine einzige Nahrung war der Saft einer Feige, die man ihm an jedem Sabbat reichte. Nach 250 Jahren - es war gerade das Wochenfest - brachte ihm sein jüngstes Urenkelchen eine Rose. Beim Anblick dieser frischen, duftenden, von harmloser Kinderhand dargereichten Rose war ihm mit einem Male wie vor zweieinhalb Jahrhunderten, da er noch selber ein Knabe war. Es deuchte ihn, als hätte er damals in den ewig unwandelbaren Schriftzügen der Natur das große Wort der Wahrheit, nach dem er nun seit Menschenaltern vergebens forschte, besser gelesen als jetzt in dem dumpfen, alternden Buche. Er nahm die Rose, näherte sie seinen Lippen und - starb. Der Almanach „Libussa" brachte im Jahre 1845 Kappers Erzählung „Genenda", im Jahre 1846 „Die versunkene Synagoge" und im Jahre 1849 „Glimmende Kohlen". „Genenda" enthält eine tragische Liebesgeschichte aus dem Prager Ghetto, „Die versunkene Synagoge", eine Chanukageschichte, handelt von der Erbauung und Vernichtung einer dem Tempel Salomons ähnlichen Synagoge in der Wüste, aus der die Bundeslade durch ein Wunder gerettet wurde. „Glimmende Kohlen" behandelt das traurige Schicksal Blümchens, der Tochter einer Witwe aus dem Prager Ghetto, die unmittelbar vor ihrer Hochzeit in den Flammen den Tod fand. Außer diesen Ghettogeschichten haben wir von Kapper noch zwei andere, die in seinem späteren Romanen „Falk" (ebenso wie zwei von den eben genannten) als Episoden eingeschaltet sind. Es ist die Geschichte „Vom reichen Knaus", einem Geizhals, der im Siebenjährigen Krieg um sein ganzes Vermögen kam, das er im Walde vergraben hatte, und die Prager Sage „Der seltsame Orach". Die drei Prager Sagen „Genenda", „Der seltsame Orach" und „Glimmende Kohlen" erschienen später auch in der von Rieh. Brandeis herausgegebenen „Jüdischen Universalbibliothek" (Bd. 38). In den Rahmen der Ghettoerzählungen gehören noch die beiden Romane „Herzel und seine Freunde" und „Falk", von denen in einem anderen Zusammenhang die Rede sein wird.80 343