Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1934-01-01 · 6 (1934) · page 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
6 (1934)
Date
1934-01-01
Page
– (sequence 318)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644315--2722-2647068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Gubernialerlaß vom November 1814, demzufolge den Judenfamilien namentlich in Prag die beliebten Religionshauslehrer entzogen wurden, brachte nicht bloß .die Judenältesten gewaltig auf, sondern auch die Prager Judenschaft überhaupt und man erwog, was zu tun sei, um die fremden Bocherim in Prag zu behalten. Und schon am 3. Jänner 1815 erhielt der Oberstburggraf eine anonyme Anzeige, wahrscheinlich aus dem Kreise der Prager Judenschaft selbst; sie war geeignet, die Behörden recht zu beunruhigen. In der Anzeige wurde behauptet, die aufgebrachten Prager Juden hätten unter dem Vorsitz des alten Rabbiners Jakob Günzburg geheime Zusammenkünfte abgehalten und sammelten untereinander Geld, um für den Fall eines weiteren Rekurses der Judengemeinde die Amtspersonen zu bestechen. Der kleinste Beitrag belaufe sich angeblich auf 30 fl. und die Sammlung habe bisher die bedeutende Summe von 6000 bis 8000 fl. erreicht. Die Prager Judenschaft sei bestrebt, vor allem den jüdischen Schulinspektor Dr. Hock und den jüdischen Hauptschullehrer Peter Beer von ihren gegenwärtigen Posten zu entfernen, da man in ihnen die Urheber der strengen Maßnahmen vermutete; aus ihrer Umgebung stammte wohl auch die anonyme Anzeige. Soweit uns die späteren amtlichen Verhandlungen einen Rückschluß gestatten, ist es recht wahrscheinlich, daß es eben der jüdische Lehrer Beer war, der hinter dieser anonymen Anzeige steckte; er war vielleicht auch der eigentliche Initiator des Einschreitens gegen die fremden Bocherim im Jahre 1807 gewesen. Der Ungenannte, der dem Oberstburggrafen wahrscheinlich persönlich bekannt war, ersuchte in der Anzeige um eine Privataudienz, um den Präsidenten des Guberniums eingehender über die geplante Aktion der Judengemeinde informieren zu können. Die Anzeige klang so ernst und bestimmt, daß das Präsidium des Guberniums noch am gleichen Tage der Stadthauptmannschaft auftrug, die ganze Sache genau zu untersuchen und über das Ergebnis baldigst zu berichten. Zuerst wurde der zweiundsiebzig jährige vormalige Oberjurist und gegenwärtige Rabbiner Jakob David Günzburg einvernommen. Im Hinblick auf sein hohes Alter und völlige Blindheit sah die Stadthauptmannschaft bei ihm von einer persönlichen Einvernahme ab und begnügte sich mit einer schriftlichen Erklärung auf die vorgelegten Fragen bezüglich der angeblichen drei geheimen Zusammenkünfte. Günzburg bestritt alles und sagte aus, er habe sich auf Ersuchen der Prager armen Juden mit den Oberjuristen Flekeles und Landau zwecks der üblichen Geldsammlung in Verbindung gesetzt und 575 fl. zusammengebracht. Er ererklärte, seiner Blindheit wegen überhaupt nicht auszugehen und daher nichts von angeblichen Zusammenkünften in der Schule der Begräbnisbruderschaft zu wissen. Unter Eid bestritt er, daß es sich um eine Sammlung zwecks Bestechung der Beamten handelte. Auch die Einvernahme 307

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.